Die Moralpoeten, Richard David Precht und Schotti, der Tatortreiniger

Heute wettert Peter Unfried in der Taz gegen die „Moralpoesie von Schülersprechern“ bei den Bundesgrünen und lobt die pragmatische Politik der Landesgrünen, die in 11 Bundesländern an der Regierung beteiligt sind.

Er zitiert Precht, um die Absurdität der „Moralpoesie“ der Bundesgrünen zu beweisen, mit folgender fiktiven Situation aus Prechts „Tiere denken“: Ein Vegetarier wird von jemandem vor die Wahl gestellt, entweder ein Huhn zu essen, oder er töte noch ein zweites. Unfried meint, die bundesgrünen „Moralpoeten“ würden absurderweise aus Gesinnungstreue das zweite Huhn auch noch sterben lassen, statt pragmatisch wie die vertrauensvollen Landesgrünen eben in den sauren Apfel, sorry, ich meine in das Huhn, zu beißen.

Nun bin ich Pescetarier, wenn man mir einen Fisch anbieten würde, würde ich den also essen, das Huhn aber nicht. Die Trennlinie, die ich in meiner Ernährung ziehe, ist allerdings offensichtlich so willkürlich, dass ich mich nicht überwinden kann, andere zu missionieren und auch überzeugen zu wollen, es mir gleich zu tun. Ich bin, was Ernährung angeht, also ziemlich liberal eingestellt. Allerdings habe ich etwas gegen Erpressung: Und der Mensch mit dem Geiselhuhn erpresst offensichtlich die Vegetarier*in in dem Beispiel von Precht.

Wie viel menschenfreundlicher ist doch da Schotti, der Tatortreiniger: In einer Folge bietet er einer Veganerin, die sich von ihrem Freund, den sie noch liebt, getrennt hat, weil er heimlich Schnitzel gefressen hat, folgenden Deal an: Sie gibt ihrem Exfreund noch eine Chance, dafür verspricht ihr Schotti, 14 Tage im kommenden Jahr auf Fleisch zu verzichten, obwohl er selbst normalerweise 2x am Tag Fleisch isst. Das würde 14 heimliche Schnitzeltage des fleischessenden Freundes ausgleichen.

Man muss kein Schülersprecher sein, um in der von Precht konstruierten Situation die Unmoral zu identifizieren: Wer anderen keinen Ausweg lässt, als sich gemessen an ihren eigenen Normen entweder schuldig oder noch schuldiger zu machen, der agiert böse. Anstatt die moralpoetischen Schülersprecher anzugreifen, sollte Unfried lieber fordern, dass es mehr Schottis und weniger hühnermordende Erpresser auf dieser Welt geben soll. Und ich lege noch einen drauf: Falls das hier ein hühnermordender Erpresser liest, biete ich ihm jetzt in die Hand an: Verzichten Sie auf die nächste Erpressung einer Vegetarier*in durch Hühnermord, und ich biete ihnen an, an zusätzlichen 14 Tagen im nächsten Jahr auf Fisch zu verzichten.

 

Du, ich und unser Leben jenseits des Tauschprinzips

Adornos wortmächtige Kritik am Äquivalenzprinzip geleitet in diesem Sinn mein Beziehungsleben immer: Dass es nicht sein  soll, soziale Beziehungen nach dem Schema eines Tausches zu entstellen, hat viele Gespräche und Interaktionen gerettet, in denen ich sonst der Kälte des kapitalistischen Konventionalismus erlegen wäre.

Jetzt ist mir etwas klar geworden: Nämlich,  dass die Idee, man müsse jedes Geschenk eines Mitmenschen mit etwas gleichwertigen vergelten, wie eben in einem Tauschgeschäft, schon deshalb nicht zu verwirklichen ist, weil das Leben so vielfältig ist und auf so vielen Ebenen und in einem so reichen Spektrum sich abspielt, dass ein kognitiv begrenztes Wesen wie ich es gar nicht leisten könnte, zu berechnen, wann ich etwa ein gutes Gespräch mit einem Freund mit etwas Gleichwertigem wie einem Buchgeschenk für ihn ersetzt hätte. Damit zwei Menschen wirklich eine äquivalente Beziehung nach dem Tauschprinzip organisieren könnten, müssten sie eine gigantische Kalkulationsaufgabe bewältigen: Wie um alles in der Welt sollte ich Wechselkurse zwischen der Zärtlichkeit und dem Geistigen, der Solidarität und der praktischen Lebenshilfe und all den anderen Aspekten der Beziehung berechnen?

Ein gutes Argument gegen ein Leben gemäß des Tauschprinzips ist also unsere kognitive Beschränktheit, deren Reflexion uns zeigt, dass das falsche Ideal des Äquivalenzprinzip von endlichen, unvollkommenen Wesen wie uns Menschen einfach nicht zu verwirklichen ist (ganz abgesehen davon, dass es auch böse wäre, das zu versuchen).

Das heißt nicht, dass wir nicht versuchen sollten, Gerechtigkeit in unseren Beziehungen anzustreben, gerade in distanzierteren Beziehungen mit Menschen, die ich nicht gut kenne, sind die Ebenen weniger und die Berechnung weniger komplex und Gerechtigkeit kann dort teilweise die Form von gerechtem Tausch annehmen. Je näher, intimer und langlebiger eine Freundschaft oder Liebesbeziehung aber wird, desto weniger können und sollen wir sie meiner Meinung nach an Tauschprinzipien orientieren.

Sinnieren über Kate Bushs: „Oh England, my Lionheart“

Einer meiner Lieblingssongs unter denen, die ich in den letzten Jahren durch Tipps von Freund*innen entdeckt habe, ist Kate Bushs poetische Hommage an – ja an was? An ihr Heimatland, bin ich versucht zu sagen, hätte „Heimat“ nicht seit vielen Jahrzehnten einen kontaminierten Klang in der deutschen Sprache.

Eine Strophe aus dem Song lautet:

„You read me Shakespear on the rolling Thames

That Old River Poet that never, ever ends

Our Thumping Hearts hold the Ravens in

And keep the tower from tumbling“

Vor langen Jahren hatte ich ein Streitgespräch mit meinem alten Freund Christian, der entgegen meiner linken Sicht Patriotismus gegen Nationalismus abgrenzte und letzteren ablehnte, während er patriotische Haltungen verteidigt hat. Damals fühlte ich mich unwohl, weil ich ihm nicht zustimmen wollte, aber auch nicht ablehnen konnte, was er sagte.

Heute, während ich Kate Bushs poetische Huldigung an England höre, denke ich: Was würde ich darum geben, ein Lied an Deutschland schreiben zu können, in dem ich dem Land, in dem ich lebe, geboren bin und dem ich mich verbunden fühle, so eine Zuneigung ausdrücken könnte.

Ich würde darin zum Beispiel, wie Kate Bush hier ihrem Land für Shakespears Poesie dankt, Deutschland danken würde für Goethe und sein donnerndes „Sie ist gerettet.“, das aus der Kulisse für das Gretchen im Faust erschallt, und für seinen „Geist, der stets verneint, und das mit recht, denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zu Grunde geht.“ Es wäre ein Lied, in dem ich singen könnte:

„Und uns geht eines immer vor:

Unsere Skepsis soll genügen

zu schützen das Brandenburger Tor

vor jeglichen  weiteren Fackelzügen“

Aber das Brandenburger Tor ist als Symbol übel behaftet und wird von „Identitären“ besetzt, die einen Haken als Symbol benutzen und ich kann nicht von Herzen ein Lied singen, das mich vielleicht wider Willen in ihren Chor eingemeindet.

Ach, Deutschland, wie traurig ist es, in Deinen Mauern zu leben, und zu wissen, was sie über lange Zeit schützten: Sie schützten zu viel Hass, um sie zu mögen, und zu viel Liebe, um sie zu verabscheuen. Verwirrt über der Frage, ob ich jetzt Patriot bin: Arne Erdmann.