Danni bleibt!

Heute war ich mit Freund*innen auf dem Sonntagsspaziergang im Dannenröder Forst, ein inspirierender und schöner Ort, Klettertraining für große und kleine Menschen, Selbstverteidigung der Natur durch Baumbesetzungen und viele unterschiedliche Menschen aus Stadt und Land und allen Generationen, die gemeinsam auf den Widerspruch zwischen Lippenbekenntnissen und Realpolitik aufmerksam machten.

Unfassbar, dass einfach weiterasphaltiert werden soll, obwohl wir mit 1,5 Millionen Menschen auf die Straße gegangen sind, damit endlich mehr Radwege und Bahnlinien und weniger fossiler Individualverkehr unsere Mobilität prägen.

Zugegebenermaßen sind wir die 25 km von Marburg aus auch zu zweit in einem Auto gefahren, also so eine Art Minikollektivverkehr, der auch nicht viel besser ist. Wir haben es einfach verpeilt, rechtzeitig die Anfahrt mit Rad und Bahn zu planen.

Das ist eine Erfahrung, die ich mitnehme: Die Natur zu achten heißt auch planen und strategisch denken. Das nächste Mal hole ich mir die Infos rechtzeitig und lasse das Auto stehen.

Glücklicherweise ist das Auto ein Elektroauto vom Carsharing und fährt mit Ökostrom. Also vielleicht habe ich einen Kompromiss gemacht, mit dem ich meiner Persona noch in die Augen sehen kann.

Hartmut Rosa schreibt, eine Dimension von Verfügbarkeit sei Erreichbarkeit, und diese werde immer weiter gesteigert, führe aber zu einem verhärteten Weltverhältnis, wenn wir uns nicht Resonanzerfahrungen öffnen, für die Erreichbarkeit eine Bedingung, aber keine Garantie ist.

Ich habe heute Resonanz erfahren, als wir Musik für alle gemacht haben, und später ein*e Aktivist*in auf dem Baum auf einer Flöte die Melodie von Troika nachgespielt hat, die wir mit zwei Geigen gespielt hatten. Und dann ist die Aktivist*in in eine Improvisation geglitten, gerade, als ich die Melodie hörte. Und hat den Wald mit aufstachelnden Klängen gefüllt.

Das nächste Mal werden wir Zug und Fahrrad fahren und Lieder zum Mitsingen vorbereiten. Der Wunsch einer älteren Frau war: „We shall overcome“. Yes we shall.

Für Otto Werchan (1907-1963)

Otto Werchan wurde von den Nazis im KZ Buchenwald inhaftiert, weil er deren politischer Gegner war. Er wohnte in Forst / Lausitz, dort hat auch meine Großmutter gelebt, deren Geburtsname Erika Werchan war.

Das Grundgesetz im Hambi schützen

Neben der Frage, wie man durch eine Spaziergang von 2 Stunden durch einen Wald zum Extremisten werden kann, frage ich mich: Wenn es verboten war, durch den Wald zu gehen, warum hat die Polizei uns nicht darauf hingewiesen? Warum standen am Waldrand keine Polizisten, die unsere große Ökoprozession von Familien, schönen und bunten Menschen wenigstens darüber informiert, das wir etwas Verbotenes tun?

Heute lese ich in der Taz, dass der Verfassungsschutz von NRW uns tausende Menschen, die wir bei der Großdemo am 6. Oktober 2018 im Hambacher Wald spazierengegegangen sind, in die Nähe des Linksextremismus rückt, weil wir den Wald nicht hätten betreten dürfen. (Taz vom 5.7.2019, S. 7; Mein Blogpost vom 9.8.2018: https://www.utopolitan.org/?p=2002)

Und warum haben die zwei Polizisten, die im Wald lächelnd direkt neben uns standen, uns nicht gesagt, dass wir gerade Extremisten werden, weil wir verbotenerweise dort im Wald stehen und die Bäume anlächeln?

Ich frage mich, ob ich jetzt schon vom NRW-Verfassungsschutz der Bildung einer terroristischen Vereinigung verdächtigt würde, wenn ich letztes Jahr im Hambi einen Baum umarmt hätte, wie ich es öfter tue. Hilfe!

Dann steht heute in der Taz, dass letztes Jahr, 2018, allein in Deutschland 2349 Hektar Wald durch Waldbrände vernichtet wurden. Kirsten Thonicke vom Potsdam Institut für Klimaforschung hebt die Trockenheit als Ursache von Waldbränden hervor. (Taz vom 6./7.7.2018, S. 25) Ich habe im Hambi demonstriert, weil ich die Klimakrise aufhalten will, die durch die Verbrennung von fossilen Energieträgern erzeugt wird und diese Waldbrände mitverursacht.

Zur Information des NRW Verfassungsschutzes habe ich hier ein Zitat aus dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland:

„Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
Art 20a 

Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“

Der Verfassungsschutz NRW scheint seine Aufgabe hier dadurch erfüllen zu wollen, dass er friedliche Waldspaziergänger*innen wie mich kriminalisiert, Leute, die auf die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen hinweisen wollen, indem sie im Wald „Power to the people“ singen.

Ich glaub, ich werde heute mal wieder in den Wald gehen und eine Eiche umarmen von denen, die ich öfter besuche, und mich entschuldigen, dass ich so viel Ökostrom für meinen Kaffee verpulvere, während der Waldboden schon wieder knochentrocken ist. Ich hoffe, es informiert mich jemand rechtzeitig, falls das verboten sein sollte. Ich bin per Email gut erreichbar, falls jemand vom Verfassungsschutz NRW sich berufen fühlt, mich vorzuwarnen.

https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_20a.html

Memoria – für Rosa

Ich habe eine Erinnerung daran, dass ein britischer Soldat, der auf dem Gutshof Übungen gemacht hat mit einer Militäreinheit, zu unserem Haus kam in Gut Schnellenberg bei Lüneburg, etwa 1985, und irgendwie zeigte er mir eine Kuh oder ein Rind, das in einem Stall in ein Gitter eingeklemmt war mit dem Kopf, und sehr laut vor Schmerz schrie (ich weiß nicht, ob man das mit diesem Wort beschreiben kann, muhte wäre auch eine Möglichkeit). Er wollte meine Hilfe und ich weiß nicht mehr genau, was ich gemacht habe, aber ich glaube, ich habe einen Erwachsenen dazugeholt, der auf dem Hof war und helfen konnte.

Den Soldaten fand ich nett, denn er hat dem Rind helfen wollen. Er war 1985 schätzungsweise 25 Jahre alt. Leider weiß ich nur noch diese Sequenz, und nicht mehr, was vorher und nachher war.

ReLOVEution now!

Leider ist der Sinn der oben stehenden Worte besonders für Menschen in institutionellen Bindungen schwer zu verstehen. Die Gründe dafür finden sich nicht in Axel Honneths „Das Recht der Freiheit“, es lohnt sich also in dieser Hinsicht nicht, die mehrere hundert Seiten lange Studie zu lesen. Wir entschuldigen uns für die Strapazen und verbleiben bis auf weiteres mit freu….

Solarpanels in den Hambacher Tagebau

Ich frage mich, ob es technisch möglich wäre, die Grubenwände vom Hambacher Tagebau so zu befestigen, dass man daran Solarpanels installieren kann.

Der Winkel von den Grubenwänden müsste eigentlich ziemlich perfekt auf den Einfallswinkel der Sonne ausgerichtet sein, zumindest an den Hängen, die nach Süden ausgerichtet sind.

Und da die Böschungen mehrere Stufen haben, die alle eigene Zufahrts- und Versorgungswege haben, könnte man die Panels auch gut warten.

Diese Grube ist so riesig und da wächst im Moment sowieso nichts, da kann man diese gigantischen Wände, wenn sie halt mal da sind, genausogut für regenerative Energien nutzen.

Hambi bleibt!

Am Samstag war ich einer von 50000 Leuten, die keine Lust auf Braunkohlebagger, aber Lust auf schönen Wald hatten.  Das Wetter war grandios, strahlender Sonnenschein und echt warm, das einzig Irritierende daran war, dass das Wetter nicht so richtig in den Oktober passte, es fühlte sich eher an wie Juli. Sollte es da einen Zusammenhang mit den CO2-Massen geben, die die vom Hambacher Forst aus am Horizont  sichtbaren Braunkohlekraftwerke in die Atmosphäre blasen? Nein, das ist natürlich die typische Panikmache von Ökofanatikern.

Es staubte dann und wann prächtig, wenn der Wind in die total ausgetrockneten Felder fuhr.  Es waren einige Bauern aus der Gegend mit ihren Traktoren zur Demo gekommen, die irgendetwas gegen die Klimaerwärmung zu haben scheinen, vielleicht, weil irgendein Problem für die Pflanzen bei Trockenheit entsteht. Was für Sensibelchen! Lasst die größte Landschaftsvernichtungsmaschine Westeuropas ruhig weiterlaufen, das mit der Dürre gibt sich schon.

Die Kundgebung war schön,  es kamen immer mehr Menschen und noch mehr Menschen über die Feldwege von mehreren Seiten auf den Platz. Wir haben an die inhaftierten Aktivist*innen gedacht, und alle haben sich über das Gerichtsurteil über den Rodungsstop gefreut.

(Die hier abgebildeten Aussagen geben nicht unbedingt die Meinung des Autors wieder. Ich wende mich zum Beispiel klar gegen den Einsatz von Laserschwertern zu politischen Zwecken, allein schon wegen des Energieverbrauchs. May the Forst be with you! )

Die Polizei hat nur da gestanden ohne Helme und Kontrollen, als sich irgendwann hunderte von Menschen auf den Weg in den Wald gemacht haben. Ein Polizist hat im Wald sogar „Hambi-bleibt“ mitgerufen.  Er hat dabei allerdings sehr belustigt ausgesehen, ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. Der Hambi ist wunderschön, alte Buchen und Eichen stehen dort, mehrere hundert Jahre alt.  Die Menschen, die die Baumhausdörfer noch kannten, waren traurig und haben von den Räumungen erzählt.

RWE hat richtig gewütet und es waren große Plätze gerodet worden und Trassen in den Wald geschlagen, wahrscheinlich, um mit den Räumungsgeräten durchzukommen.

Bei der Stelle, wo Steffen abgestürzt und gestorben ist in Beechtown, war ich auch. Da waren alle sehr still und es standen viele Kerzen dort und ein Bild von Steffen erinnerte an ihn.

Und dann stand ich vor der Grube, das ist unfassbar: Ich musste nur die Augen aufmachen und wusste, was gut und was böse ist. Wann hast du das schon mal, dass das so eindeutig ist? Die Grube ist ein riesiger Krater, eine Wüstenlandschaft aus Sand und Steinen, in der sich gespenstisch die riesigen Bagger abzeichnen, super tief und bis zum Horizont lebt da nichts mehr, eine Wunde in der Erde.  Und dann schaust Du nach links  und siehst den Waldrand vom Hambi, da stehen die alten Bäume und Du denkst an Lorien und denkst nur:  Das gilt es zu verteidigen.

Und dann sind wir wieder gegangen und ich habe irgendwie viel mehr Kraft gehabt als vorher, die Kraft kam von den Liedern, die wir im Wald gesungen haben – „power to the people – the people have the power – getting stronger every hour“- und aus den vielen lächelnden Gesichtern der Menschen, die still im Wald waren, und aus dem Wald selbst und aus den Kinderstimmen, die „Hambi Hambi Hambi – bleibt-bleibt-bleibt“ gerufen haben.

Ich hoffe nur, die Bechsteinfledermäuse waren von den vielen Menschen nicht zu geschockt, die da durch ihren Wald gelatscht sind, denn diesen geflügelten Gefährt*innen haben wir zu einem Gutteil das Gerichtsurteil mit dem Rodungsstop zu verdanken.  Wie fühlt es sich wohl an, eine Fledermaus zu sein, unter deren Wohnung hunderte völlig entrückte Ökos wie ich  langspazieren?  Ich werde es nie wissen.  Hambi bleibt! Und die Rätsel auch.