Sekundäre Heteronomie

Judith Butler schreibt in “Die Macht der Gewaltlosigkeit”, dass Menschen immer zuerst aufeinander angewiesen sind, bevor sie ein wenig Autonomie entwickeln können, die aber immer partiell und brüchig bleibt. Ich finde ihre Analyse des “Phantasmas” des autonomen Subjekts, eines aus der Geschichte und den Beziehungen gefallenen Robinsons ohne Bindungen, sehr treffend. Allerdings bleibt für mich das Angewiesensein aufeinander ein Skandal: Wie ungerecht, als Säugling in eine Welt geworfen zu werden, in der ich ohne die Hilfe und Zuneigung anderer Menschen nicht überleben kann. Was kann unter diesen Umständen realistischerweise Freiheit heißen? Und wieso stanzt die Gesellschaft diese Freiheitsideale in mich ein, die Butler jetzt als Phantasmen enthüllt, wenn sie gar nicht wirklich erreichbar sind?

Heute beim Yoga, das ich jeden Morgen gegen meine Bandscheibenvorfälle mache, kam mir ein Gedanke, den Du vielleicht auch interessant findest: “Sekundäre Heteronomie”. Schon die primäre Heteronomie als Säugling ist ein Skandal, wie Butler ausführt: Sie ist der Grund, aus dem wir in Liebesbeziehungen immer auch Aggressionen auf die geliebte Person empfinden, weil wir, sobald wir einander nah kommen, durch diese Nähe und unsere Angewiesenheit auf die Liebe der anderen Person an unsere Verletzlichkeit als Säugling errinnert werden.

Viel mehr noch ist die sekundäre Heteronomie ein Skandal: Ich beobachte oft, dass Paare einander ergänzen, wofür es im Französischen das schöne Wort “Pendant”, Gegenstück, gibt. Wie ein Paar Schuhe, bei denen der linke ohne den rechten unbrauchbar ist und umgekehrt, funktionieren die Paare nur zusammen in dieser Gesellschaft gut, und sind einzeln hilflos. Das binäre System der Geschlechter ist fundamental auf diese Struktur aufgebaut, auch wenn ich vermute, dass die Pendant-Struktur andere Wege finden würde, sich durchzusetzen, selbst wenn das binäre System abgeschafft würde.

Die Pendant-Struktur ist eine Form von sekundärer Heteronomie: Sie greift, wo eigentlich Chancen auf Autonomie existieren, und unterläuft diese Chancen, indem sie Menschen dazu erzieht, einander auf eine bestimmte Weise zu brauchen. Ich habe mal bei einer Partner*innensuchplattform einen Persönlichkeitstest gemacht, mithilfe dessen der Algorhythmus mich dann matchen sollte. Ich sollte zum Beispiel geometrische Formen bewerten und eingeben, ob sie mich positiv ansprechen. Das Ergebnis des Tests wurde mir in einem Bericht zusammengefasst und auch gleich eine Empfehlung für meine Suche nach einer Partnerin gegeben: Ich sei ein sehr emotionaler Mensch und solle mir eine Frau suchen, die etwas rationaler plant.

Nun ist das leider wahr, rationale Planung ist wirklich keine Stärke von mir. Aber der Skandal besteht darin, dass unsere Gesellschaft eigentlich für eine Art Idealperson geschaffen zu sein scheint, in der alle Kräfte, Charaktereigenschaften und Kompetenzen ideal ausbalanciert sind. Menschen tun sich zu Paaren oder Gruppen oder Teams zusammen, auch weil sie von der Gesellschaft nicht individuell akzeptiert werden, so dass sie in ihr mit ihren Schwächen und Defiziten willkommen sind. Dahinter steckt der Leistungszwang, der alles soziale Leben durchzieht, und um dem gerecht zu werden wir diese Idealperson sein müssten, wenn es nicht die anderen Menschen gäbe, die uns helfen und ergänzen und uns so vom Druck, ideal sein zu müssen, entlasten.

Die Gesellschaft prägt also durch Leistungszwang unsere Beziehungen zu anderen und schafft so eine zweite, kulturell vermittelte Schicht unserer Persönlichkeit, die die erste unserer Bedürftigkeitserfahrung als Säugling überformt. Diese Schicht und ihre Berührungen mit anderen Menschen werden erneut zu einer Quelle von Wut, Ohnmacht, Verzweiflung und Schmerz. Vielleicht habe ich mich durch die primäre Erfahrung des Angewiesenseins so an die damit verbundenen Gefühle gewöhnt, dass die zweite Schicht daran andocken konnte und ich bereit war, trotz des dadurch entstehenden Leids diese neue Persönlichkeitsschicht anzunehmen. Sekundäre Heteronomie, aus der diese schmerzhaften Gefühle entspringen, ist noch frustrierender, weil sie eigentlich nicht notwendig wäre: Dass wir als hilflose Wesen geboren werden, ist eine biologische Realität, und wir können das nicht ändern. Aber die sekundäre Angewiesenheit auf ein Pendant ist nicht notwendig, sondern entspringt der falschen Struktur unserer Gesellschaft, ihren Leistungszwängen und von den Menschen abgekoppelten Idealen.

Das Einstanzen von Freiheits- und Autonomieidealen kann ich auf der Basis dieser Überlegungen nun auch besser analysieren: Es ist Teil der Struktur der Leistungszwänge, weil es Menschen dazu zwingt, die eigenen Defizite zu erkennen, zu beseitigen oder durch Beziehungen auszugleichen. Das ist das, worauf der Algorhytmus der Partner*innenbörse (und das Wort Börse trifft es ganz genau) mich sanft und unmissverständlich hingewiesen hat: Willst Du erfolgreich leben, dann suche dir eine Partnerin nach dem Schema xy. “Freiheit” ist dann aber bloß noch eine Funktion im Algorhythmus einer Gesellschaft, die blind ist für reale Individuen, der es nur ums eigene Funktionieren und den Erhalt der sozialen Strukturen geht.

Mir

Am Sonntag war ich auf der Demo für Frieden in der Ukraine in Frankfurt.

Konsens der Redner*innen war, dass wir jetzt alle Flüchtenden aus der Ukraine aufnehmen müssen und dass die russische Führung der Aggressor ist und deren Armee sich sofort aus der Ukraine zurückziehen muss.

Dissens war deutlich bei der Frage, ob wir aufrüsten sollten, also das 100 Milliarden Euro Sondervermögen für Rüstung der Bundesregierung sinnvoll ist, und ob wir Waffen an die Ukraine liefern sollten. Attac und ein Friedensaktivist sprachen dagegen, der Attac Vertreter wurde dafür ausgebuht, der Frankfurter Oberbürgermeister Feldmann und ein Kirchvertreter sprachen dafür.

Für mich war interessant, dass die Demo auch dadurch bei einem gemeinsamen Grundkonsens sehr plural war, es fühlte sich sehr angenehm an, mit Menschen zusammen zu demonstrieren, die in Aspekten unterschiedlicher Meinung sind. Normalerweise bin ich auf Demos, wo gemeinsame gleiche Empörung stilbildend ist, und am Sonntag habe ich gemerkt, dass ich mich damit eigentlich wegen des Drucks, den das auf mich aufbaut, gar nicht so wirklich wohl fühle und eigentlich nur aus Pflichtgefühl hingehe. Die Fridays waren da schon ein bisschen anders, weil da viel Kreativität und wenig Frontendenken war. Vielleicht lernt die Zivilgesellschaft gerade, dass Pluralität und Gemeinsamkeit gar kein Widerspruch sein müssen.

Die Ukrainer*innen schützen: Gasimporte durch Zölle drosseln

Ein Freund von mir kommt aus der Ukraine, seine Verwandten leben dort und sind von Bomben bedroht. Ich habe in den letzten Tagen manchmal die Taz nicht gelesen, weil ich den Tag nicht mehr weinend am Frühstückstisch beginnen konnte. Ich muss funktionieren. Aber meine Wut auf die russische Regierung und meine Trauer um die Menschen, die dort ermordet werden, wächst.

Was kann ich tun? Kants Idee eines internationalen Gerichtshofes ist auch nach über 200 Jahren noch nicht richtig verwirklicht. Die UN sind das, was seiner Idee am nächsten kommt. Die UN-Vollversammlung hat mit mehr als 2/3 Mehrheit den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine verurteilt und die russische Regierung dazu aufgefordert, den Krieg gegen die Ukrainer*innen sofort zu beenden.

https://www.vorwaerts.de/artikel/uno-vollversammlung-ukraine-welt-stimmt-gegen-putins-krieg

Gleichzeitig bezahle ich mit meinen Heizkosten die Bomben, die jetzt das Leben der Familie meines Freundes bedrohen. Wenn ich nach der Zeitungslektüre noch in den Spiegel schauen können will, muss ich etwas tun. Spenden reicht nicht. Also gehe ich heute um 12 zur Demo auf dem Frankfurter Opernplatz gegen Energieimporte aus Russland.

Aus Diskussionen weiß ich, dass es ein Problem mit einem Embargo gibt: Scheinbar ist die europäische Wirtschaft so abhängig von den fossilen Energieimporten aus Russland, dass wir uns kein Embargo leisten können, bevor wir nicht über einige Jahre neue Infrastruktur geschaffen und neue Energiequellen erschlossen haben werden.

https://www.berliner-zeitung.de/news/russische-energie-bleibt-fuer-die-deutsche-wirtschaft-vorerst-unverzichtbar-li.215829

Ein Mittelweg wären höhere Zölle auf Gasimporte aus Russland, wie sie die USA anstreben.

https://www.finanzen.net/nachricht/aktien/russland-ukraine-krieg-usa-setzen-hoehere-zoelle-gegen-russland-in-gang-11129544

Aus dem Artikel geht hervor, dass dies nach den WTO-Richtlinien im Falle eines Krieges möglich ist. Die Regelung dafür hat die russische Regierung selbst in der WTO durchgesetzt, um die Ukraine mit Zöllen bekämpfen zu können. Die russische Regierung hat damit ein rechtliches Instrument geschaffen, das wir jetzt gegen ihren Krieg einsetzen können.

Zölle auf Gas und einen Stopp der Erdölimporte halte ich für ein gutes Mittel, um die russische Regierung unter Druck zu setzen, diesen Krieg zu beenden. Für das Öl gibt es Alternativen aus anderen Regionen der Welt, für das Gas gibt es aber leider noch keine vollständige Ersatzmöglichkeit. Zölle würden das Gas aus Russland teuer machen, und Menschen und Firmen in der EU so dazu bringen, diese Ressourcen einzusparen, und dadurch würde es einen Anreiz für die Wirtschaft geben, erneuerbare Energien auszubauen und dort zu investieren.

Zugleich müssen wir verhindern, dass die Alternativen zum russischen Gas Kohle, Frackinggas aus den USA und Atomkraft werden. Dazu ist es notwenig, am Kohleausstieg festzuhalten und durch Steuervergünstigungen und Subventionen der Staaten und der EU alle Kraft in den Ausbau der regenerativen Energien zu investieren. Das Geld für diese Subventionen kann dann teilweise aus den Zöllen auf russisches Gas gewonnen werden, so dass die russischen Konzerne dafür bezahlen, dass Europa mittelfristig von ihnen unabhängig wird.

Außerdem sind Zölle ein flexibleres Instrument als ein Embargo: Die demokratischen Regierungen können über die Höhe der Zölle gezielt und dosiert eingreifen: Wenn die Zölle niedriger sind, entlastet die Politik die Verbraucher, sollte zum Beispiel der soziale Frieden durch hohe Energiekosten gefährdet sein. Wirken die niedrigen Zölle aber noch nicht auf Russlands Politik, können sie erhöht werden. Wahrscheinlich gibt es da ein Optimum zwischen der Skylla des gefährdeten sozialen Friedens im Inland und der Charybdis eines von europäischen Geldern finanzierten illegalen Angriffskrieges auf die Menschen in der Ukraine. Dieses Optimum müssen wir schnell finden.

PS: Wen es irritiert, dass ich hier so unkritisch auf Marktmechanismen setze, der lese bitte Fernand Braudels Text “Über die Dynamik des Kapitalismus”, in dem er nachweist, dass Marktwirtschaft nicht gleich Kapitalismus ist, sondern im Gegenteil der Kapitalismus ein System ist, dass Märkte entgegen deren eigentlicher Normativität ausnützt und diese Normativität damit beschädigt.

Posttemporalismus

Mit einem Bein stehe ich in der Vergangenheit, mit dem anderen in der Zukunft – und je weiter sich beide voneinander entfernen, desto schwieriger wird der Spagat. Hoffentlich vergibt niemand Haltungsnoten in dieser Sportart.

Ich glaube, ich bin neuroatypisch (und Judith Butler würde mir da wahrscheinlich recht geben)

Heute habe ich in der Marburger Philosophie einen Vortrag von Stefan Lang (Wien) unter dem Titel ” Selbst, Selbstbewusstsein und Affekt” gehört.

Lang will das Subjekt untersuchen, indem er zunächst den Fokus auf “neurotypische erwachsene Lebewesen” setzt und versucht, davon ausgehend zu klären, was ein Subjekt (oder ein Selbst) ist. Er sagte, er schließe mit dem Begriff “neurotypisch” Kleinstkinder, (soweit ich es verstanden habe, meint er alle Menschen, die noch nicht das Wort “ich” beherrschen), Tiere und psychopathologische Menschen erst einmal aus der philosophischen Untersuchung aus.

Er begründete seine Forschungsfragen “Existieren Subjekte?” und wenn ja, was sind dann Subjekte? damit, er versuche, Antworten auf die philosophische Diskussion zu finden, in der aus buddhistischer Perspektive bezweifelt werde, dass es Subjekte gebe.

Leider ist mir das beste Argument gegen Langs philosophisches Vorgehen mit dem Begriff “neurotypisch” erst nach der Veranstaltung eingefallen, so dass ich es nicht mehr äußern konnte:

Ich habe mich gefragt, wie wir als Philosoph*innen eigentlich festlegen, was “neurotypisch” ist. Ein erstes Problem taucht dabei nämlich auf, wenn wir uns fragen müssen, ob träumende Erwachsene eigentlich in dem Moment, in dem sie träumen, “neurotypisch” oder “neuroatypisch” sind (Excuse my language).

Dieses Problem können wir vielleicht lösen. Ein anderes, das an dem Clash zwischen der buddhistisch inspirierten mit der christlich inspirierten Philosophie erkennbar wird, aber, wie ich glaube, mit Langs Methode nicht: Ich denke, dass “neurotypisch” für alle Menschen genau das ist, was Lang von vornherein ausschließt: Dass wir alle als hilflose, auf unsere Bezugspersonen angewiesene Säuglinge geboren werden, deren Bewusstsein vor allem aus Affekten besteht, lange bevor wir Worte wie “Ich” oder “Praxis” oder “Subjekt” oder “Bewusstsein” lernen. Dagegen ist wahrscheinlich, wie aus dem Konflikt zwischen der buddhistischen Perspektive und der westlichen Philosophie schon zu ersehen ist, bei den Menschen und auch ihren sozialen Gruppen und Organisationen kulturell bedingt auf den biographisch später sich entwickelnden Ebenen unseres Bewusstseins sehr unterschiedlich, was ein Selbst ist (und ob es so etwas überhaupt gibt). Das hängt von der jeweiligen Sprache und ihrer Logik und der sozialen Praxis, in die diese Sprache eingebettet ist, ab, und es dürfte rettungslos sein, auf diesen Ebenen der Großhirnrinde etwas “Typisches” zu finden, was bei allen Menschen unabhängig von ihrer Kultur gleich ist.

Ich würde die Existenz von etwas für alle Menschen aller Kulturen “neurotypischen” auf den durch Sprache und kulturelle Praxis vermittelten Ebenen von menschlichen Nervensystemen daher erstmal generell bezweifeln. Es macht typischerweise einen Unterschied in der Wahrnehmung und im Bewusstsein, ob ich an das Nirvana glaube oder daran, dass ich nach dem Tod Gott im Jüngsten Gericht gegenüberstehe, und dieser Unterschied ist vermutlich so tief in die Geistesgeschichte eingegraben, dass die damit jeweils verbundenen Formen der Identität trotz der Säkularisierung nicht mehr auf etwas “Typisches” reduziert werden könnten.

Daher finde ich es sinnvoller, genau bei einer der Existenzweisen anzufangen, die Lang von vornherein ausschließt, nämlich beim Bewusstsein von Kleinkindern, wenn wir etwas neurotypisches für alle Menschen aufspüren wollen. Denn mit Judith Butler lässt sich sagen, dass die existenzielle Hilflosigkeit und Verletzlichkeit und die daraus folgende Abhängigkeit von den Bezugspersonen, beides spürbar in starken Affekten der Säuglinge und Kleinstkinder, wahrscheinlich für alle Menschen gleich welcher Kultur ziemlich ähnlich sind – das sind deshalb viel aussichtsreichere Phänomene, wenn wir etwas “neurotypisches” finden wollen.

Von hier aus können wir dann wahrscheinlich auch irritierende Phänomene wie Träume besser verstehen – und davon träumen, dass wir weniger kulturell bedingte Missverständnisse und Konflikte haben werden, wenn wir mit der Zeit besser verstehen, was ein Subjekt und was ein Affekt und was eine menschliche Beziehung ist.

Ein drittes Problem mit dem “Neurotypischen” besteht darin, dass die meisten Menschen im Alter ein weniger leistungsfähiges Zentralnervensystem bekommen, bis hin zur Demenz. Ist das typisch für Menschen? Ich würde sagen: Ja. Verlieren alte Menschen dadurch die Eigenschaft, Subjekte zu sein? Offensichtlich nicht. In einem durch Anerkennung von Menschenwürde geprägten sozialen Umfeld lebt die neurologisch voll funktionierende mittelalte Person, die eine demente Person einmal war, in der Erinnerung und in den Erzählungen ihrer sozialen Bezugspersonen weiter. Auf der Basis dieser sozialen Identität, die weitgehend ohne eine korrespondierende “normale” Neurologie der Person auskommt, treffen dann Angehörige Entscheidungen zum Beispiel über lebenserhaltende medizinische Maßnahmen. Der Begriff des “neurotypischen erwachsenen Lebewesens” schattet diese soziale Dimension personaler Identität ab. Sie ist aber ein zentrales Element dessen, was wir ein Subjekt nennen und dessen, was unser subjektives Bewusstsein ausmacht.

So geraten die Subjekte, die Lang untersuchen will, zu geburtlosen, nicht alternden, außerhalb der Zeit, der Geschichte und der sozialen Beziehungen existierenden Entitäten. Was das beitragen soll zur Debatte über Subjekte, ist mir sehr schleierhaft. Vielleicht fängt aber auch bei mir schon die Demenz an mit 44, und ich verstehe es nur deshalb nicht. Dann betrachte bitte diesen Text als gegenstandslos. Möglicherweise war ich aber noch neurotypisch, als ich anfing, ihn zu schreiben, und bin erst beim Verfassen langsam neuroatypisch geworden. In diesem Fall bitte ich Dich, im Text den Punkt zu finden, an dem ich anfing, mich zu verlieren.

Das Klima wird sich ändern

(Fanny van Dannen)

Am letzten Freitag war ich in Berlin auf der Demo für besseren Klimaschutz. Besonders charmant fand ich diesen Beitrag:

In diese Richtung geht es sich gut. Im folgenden Bild sind auch ein paar gute Ideen versteckt: (Wer sie findet, kann Sie Christian Lindner per Email schicken mit dem Betreff: “Erfinden statt verbieten”):

Dialektik der Aufheiterung

Das war vor ein paar Jahren ein Geschenk an meine damalige Freundin. Ihre Reaktion war sinngemäß: “Gehts Dir gut oder muss ich mir Sorgen machen?” Damit hatte ich nicht gerechnet. So ist das dann wohl mit der Dialektik.

Mit unseren Körpern

Im Dannenröder Wald und im Hambacher Wald haben die Aktivist*innen oft in Ihren Reden betont, dass sie den Wald mit ihren Körpern zu schützen versuchen.

Angesichts der katastrophalen Überschwemmungen der letzten Tage und der hunderten toten Menschen frage ich mich, wie die Beziehung unserer menschlichen Körper zur Natur eigentlich ist.

Offensichtlich waren die Aktivist*innen nicht stark genug, um die Braunkohle-Industrie und die Autobahn-Industrie rechtzeitig zu stoppen, und die fossile Industrie hat die natürlichen Systeme so gestört, dass jetzt viele Menschen sehr plötzlich deshalb sterben mussten. Um sie trauere ich.

Ein alter linker Spruch lautet aber: Wandelt Wut und Trauer in Widerstand. Das erste widerständige ist vielleicht, zu verstehen, was passiert. Damit meine ich nicht den Zusammenhang von Braunkohleverbrennung und Überschwemmungen, den kann jede*r ganz einfach in der Taz oder anderen Zeitungen nachlesen. Was mich philosophisch interessiert, sind unsere Körper und die Natur.

Ich habe heute darüber nachgedacht, dass wir Menschen ja alle Teil der Natur sind, solange wir lebendige Körper haben. In der Philosophie unterscheidet man Körper und Leib, und meint mit “Körper” eigentlich das, was wir sehen, wenn wir Menschen rein naturwissenschaftlich objektivierend betrachten, als Lebewesen unter anderen Lebewesen, die die Biologie beschreibt und erklärt. Leib ist dagegen das, was wir haben, weil wir durch Kultur bestimmte Beziehungen zu anderen Personen haben, unsere Körper durch die Brille unserer Sprache und unserer Praxis sehen und fühlen und uns sozial definieren als Person mit leiblichen Eigenschaften. Beim Verständnis des Leibes helfen uns die Psychologie, die Sozialwissenschaften, die Rechtswissenschaften, die Theologie und die Philosophie, alle Wissenschaften, die Sinn deuten und erkennen.

Es gibt eine alte Debatte in der Philosophie über das “Leib-Seele-Problem” (oder neuer formuliert: das “Körper-Geist-Problem”), weil wir bisher nicht richtig beschreiben können, wie diese zwei wissenschaftlichen Perspektiven verknüpft und miteinander harmonisiert werden können, (das ist ein bisschen wie in der Physik das Nebeneinander von Quantenmechanik und Relativitätstheorie), und deshalb wissen wir auch nicht genau, wie Körper und Geist miteinander verknüpft sind. Manche sagen, es gibt nur Körper, andere, es gibt nur Geist, und dazwischen gibt es viele, die glauben, dass es beides gibt.

Der Begriff Leib ist eigentlich schon der Versuch, die beiden Perspektiven miteinander zu verbinden, besser noch ist Leiblichkeit: Das Wort benennt ein komplexes Netz von Beziehungen zwischen Menschen, und in diesem Netz bildet jeder Leib so etwas wie einen Knoten, der mit anderen Knoten so eng verknüpft ist, dass es oft willkürlich ist, zu sagen, dass es sich bei Beziehungsfaden A um ein Element von Leib 1 handelt und bei Beziehungsfaden B um ein Element von Leib 2.

Meine Idee heute, als ich durch den Wald lief, war: Das Wort Leib ist kulturhistorisch stark mit der christlichen Tradition aufgeladen, und ich fürchte, das ist nicht wirklich hilfreich. Da fällt mir zumindest gleich die biblische Geschichte vom letzten Abendmahl ein. Damit sind Vorstellungen von Unsterblichkeit und der Einheit von Menschen und sozialen Gruppen verknüpft.

Was ich im Danni erlebt habe, war aber, dass das Verhältnis vieler Menschen zur Natur immer noch und vielleicht mehr denn je ein Gewaltverhältnis ist. Was so schön und harmonisch klingt, die Verbundenheit unserer sozialen Beziehungen in der Leiblichkeit, ist in Wirklichkeit sehr häufig Ausbeutung und Unterdrückung.

Ich will nicht unsolidarisch gegenüber der älteren Frau sein, die als kirchliche Beobachterin der Kirche von Kurhessen Waldeck im Danni von einem Polizisten tätlich angegriffen wurde, vielleicht ist ihr der Begriff Leib aus ihrem Glauben heraus wichtig. Aber der Polizist hat durch den körperlichen Angriff die Sphäre der Leiblichkeit verlassen.

Ein Mitdemonstrant berichtete mir, ein Polizist habe ein Seil zum Reißen gebracht und eine Aktivisti sei dadurch aus einer Höhe von über 4 Metern auf den Boden gefallen. Die Polizisten waren dort im Auftrag des hessischen Innenministers. Eine Maschine hat sich unter ihrem Schutz durch den Wald gefressen, gegen alle Widerstände von Menschen mit ihren Körpern. Diese Maschine sorgt dafür, dass Extremwetterereignisse wie Überschwemmungen noch wahrscheinlicher werden und die Trinkwasserversorgung in Hessen gefährderter ist.

Die Grünen betonen oft, die A49 sei durch rechtsstaatliche Verfahren zustandegekommen. Der Rechtsstaat ist aber nicht einfach eindeutig, sondern die Rechte und Gesetze müssen interpretiert werden, damit wir wissen, was wir tun dürfen und sollen. Und die Maschine, die den Danni durchbrochen hat, ist nicht von den Gesetzen gedeckt, insbesondere widerspricht sie Artikel 26 der hessischen Verfassung, demzufolge der Staat die natürlichen Lebensgrundlagen schützt, auch im Sinne zukünftiger Generationen. Das oben beschriebene Vorgehen der Polizei ist auch nicht von den Grundrechten gedeckt, es verletzt unter anderem das Recht auf Unversehrtheit des Leibes und die Versammlungsfreiheit.

Körper sind nicht unsterblich und werden es niemals sein. Es ist nicht mal sicher, ob Körper einen Geist und eine Seele in sich tragen, die unsterblich ist. Wenn wir erfahren, dass unsere Körper verletzlich und machtlos sind gegen die Zerstörung, wächst unser Bewusstsein dafür, dass das Leben bedroht ist. Die Menschen, die auf den Autobahnen in ihren SUVs mit 150 km/h hin und herfahren, verlieren dieses Bewusstsein.

Ausbeutung und Unterdrückung der Natur fängt bei jedem von uns an. In uns ist eine imperiale Struktur, die wir in unserer Sozialisation verinnerlicht haben, vielleicht am ehesten das, was Judith Butler in “Die Macht der Gewaltlosigkeit” ein “Phantasma” nennt: Dieses Phantasma trennt uns von den anderen Menschen und den anderen Lebewesen, es sorgt dafür, dass wir unsere Körper formen wie Bildhauer*innen ihre Stauen, ohne körperliche Bedürfnisse und Gefühle zu respektieren, so stellt es sicher, dass wir arbeiten und Profite generieren, auch wenn die Welt halb untergeht. Das Phantasma erzählt uns die Geschichte, dass Technik uns unsterblich machen kann und dass die menschliche Gesellschaft stärker werden kann als das Leben und die Natur. Dieses Phantasma muss mit Gewalt verteidigt werden, weil ganz einfache kindliche Erfahrungen uns jeden Tag und jede Stunde daran erinnern, dass es nicht real ist, dass wir sterblich sind und verletzlich und andere Lebewesen und Menschen brauchen, um zu leben.

Wir sollten deshalb unsere Körper achten und den Begriff Leib vermeiden, wenn Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse zur Sprache kommen. Wir sollten akzeptieren, dass wir nicht genau wissen, wie unser Geist und unser Körper zusammenhängen. Ich hatte Angst, mich auf einen Tripod zu setzen, weil die Aktivist*in abgestürzt ist. Ich hatte Angst, mich vor die Wasserwerfer zu stellen im letzten Dezember, als die Polizei die Barrios räumten. Ich wollte meinen Körper schützen. Ich habe 20jährige gesehen, die sich in der Kälte in den Wasserwerferstrahl gestellt haben. Ich habe den Aktivistis in den Bäumen zugerufen: “Du bist nicht allein!” Aber ich musste meine Grenzen akzeptieren, die Grenzen meiner Fähigkeit, zu widerstehen. Jedesmal, wenn ich mit der Bahn an der Schneise der A49 bei Stadtallendorf vorbeifahre, ist mir zum Weinen zumute. Aus Trauer, aus Wut, und aus Scham, weil ich meinen Körper zu schützen versucht habe und die Maschine auch deshalb nicht aufhalten konnte.

Vielleicht sind unsere Emotionen das einzige, was unseren Körper mit unserem Geist verbindet. Vielleicht ist die Unfähigkeit zu Fühlen das schlimmste Ergebnis des Phantasmas der Naturenthobenheit. Es hinterlässt einen Körper ohne Glück und einen Geist ohne Sinn. Es tötet uns, bevor wir sterben. Autofahren und Strom verbrauchen können wir dann aber immer noch.

Identitätspolitik?

Manchmal führe ich innerlich Selbstgespräche mit Personen der Zeitgeschichte. Vor ein paar Tagen war meine innere Gesprächsparnerin Sarah Wagenknecht. Es ging um ihr neues Buch, in der sie der Linken Identitätspolitik und Vernachlässigung sozialer Gerechtigkeit und der Arbeitenden vorwirft. Soweit ich verstehe, was sie meint, soll es Identitätspolitik sein, wenn Menschen gegen Rassismus oder gegen das Patriarchat und die Geschlechterordnung vorgehen. Ich habe ihr dann das Argument entgegen gehalten, dass es ja auch viele Menschen gibt, die zugleich unter Klassismus (und der ungerechten Reichtumsverteilung) und Rassismus leiden. Das heißt dann Intersektionalität.

Dann habe ich mir überlegt, welche Struktur eigentlich mein Intersektionalitätsargument in einer Diskussion mit Wagenknecht hat. Und mir ist folgendes klar geworden: Mein Argument verweist eigentlich darauf, dass aktuell emanzipatorische Bewegungen und Personen sich entscheiden müssen, ob sie zum Beispiel gegen Klassismus und Armut oder gegen Rassismus vorgehen. Der eigentliche Skandal ist, dass die Linke nicht genug Ressourcen hat, um gegen die verschiedenen Diskriminierungs- und Unterprivilegierungssysteme zugleich vorzugehen, unter denen Menschen leiden. Wenn ich mich dazu entscheide, gegen Ableismus vorzugehen, reicht meine Zeit und Kraft vielleicht nicht mehr, gegen Rassismus oder Verteilungs-Ungerechtigkeit vorzugehen. Deshalb müssen wir in der Linken diese Debatten führen, in welchem Kampf wir eigentlich jetzt am besten situativ unsere Ressourcen für eine bessere Welt einsetzen.

Dahinter steckt natürlich die alte Logik des Teile und Herrsche – solange wir in diesem Zwist sind, sind wir schwächer, als wir sein könnten.

Ich bezweifle aufbauend auf meine Argumentation aber auch sehr stark, dass der Terminus linker “Identitätspolitik” für den Kampf gegen rassistische Diskrimierung und die patriarchale Geschlechterordnung richtig gewählt ist. Tatsächlich bekämpfen wir damit soziale Strukturen – zum Beispiel das System des Rassismus und das Patriarchat – der Terminus “Identitätspolitik” suggeriert irgendwie, dass das eine Art Selbstfindungsproblematik wäre und man sich doch bitteschön um die harten Fakten angesichts von Armut und Unterdrückung zu kümmern habe. Aber die sozialen Strukturen erzeugen die Identitäten von Personen mindestens so stark, wie diese sie wählen, oft sind Identäten größtenteils oder ausschließlich von äußeren sozialen Strukturen in Personen eingeschrieben worden. (Vgl. Bourdieu: Die feinen Unterschiede). Identität hat wenig oder gar nichts mit Luxus-Selbstverwirklichung zu tun. (Vgl. auch Goffman: “Stigma” und “Wir alle spielen Theater”).

Das, was Wagenknecht “Identitätspolitik” nennt, ist einfach Politik, die anerkennt, dass es nicht nur materielle Ungerechtigkeit gibt, sondern damit verschränkt auch Strukturen der Entrechtung, Mißachtung und der verweigerten Anerkennung, die teilweise genauso schmerzhaft oder noch schmerzhafter sein können wie materielle Armut.

Wenn wir zum Beispiel sagen, dass der Kapitalismus mit Ableismus, dem Patriarchat und dem System des Rassimus historisch schon sehr lange verschränkt ist, dann ist das auch eine materialistische Analyse der Fakten. Die Alternative wäre ein halbierter Materialismus, der glaubt, Verteilungsfragen ließen sich unabhängig von Fragen der Realisierung gleicher Rechte für alle lösen. Das ist ein Irrglaube.

Ich empfehle allen, die sich einem künstlichen Zwist über Linke “Identitätspolitik” entziehen wollen, den Film “Pride” über die Aktivist*innen von “Gays and Lesbians supporting the Miners”, die während der Thatcher-Konterrevolution die streikenden walisischen Bergarbeiter unterstützt haben. Danach erübrigt sich viel unnötiger Streit.

Pride - Film 2014 - FILMSTARTS.de

Say No

(Lyrics and music: Arne Erdmann © 2016)

For William Tonou-Mbobda – Say his name and say no!

We‘ll increase your income and your flexibility

give a boost to your mind and your creativity

your work will be productive, efficient and exact

you‘ll succeed if you follow the instructions it‘s a fact

Thank you for your offer, but I‘ll have it my own way

more efficiency is just stressing my day

I already work my ass off, that‘s what I say

and if I‘m more productive, for me it doesen‘t pay

the profit takes the company to Cayman Islands Bay

I say No – say No

Whatever kind of problem is bothering you

we can solve it, we can fix it, give back your life to you

we can change familiar patterns, that cause your suffering

just let go of your past, that‘ll change quite everything

This is very kind of you, you want to help I see

but my patterns help my friends to recognize it‘s me

and my past is holding me like roots are holding trees

suffering is part of me and it will always be

an ever happy person is someone who cannot feel

I say No – Say No

Your disease has a name we can call to keep it down

but you should not tell the people, when you go into town

we have pills, we have skills, we have means to set you free

you should do what you‘re told, it will work out, you will see

You offer to be my guide with your helping hand

and I would like to follow you, but I‘m afraid I can‘t

there‘ all kind of different people all across the land

and different it is not sick, you must understand

that you can call me names you like, but my life‘s in my hands

I say no – say No

If you are not compliant and refuse to work with us

you‘re a danger to yourself and in you we cannot trust

we will have to fix a needle, it is just for your own good

we will tie you down, sedate you, we‘re the masters, understood?

It is nice to have someone to tell me what I need

because I‘m a bit confused about the pills you feed

you say I can‘t find my way out there in the streets

and for more experience, you must imprison me

I don‘t see how I improve social and living skills

by lying on a bed totally stoned by your nice pills

you improve society, cause it‘s quiet and still

instead of fighting madness, you do fight against the will

I believe I‘m quite ok, but your system is ill

I say No – say No