Weltaufgang

Psycholog*innen aus Kanada um Matthew Billet haben herausgefunden, dass ein Drittel der US-Amerikaner*innen an einen nahenden Weltuntergang glauben, und zwar rein wissenschaftlich denkende Menschen genauso wie fromme Gläubige von unterschiedlichen Religionen. (SZ Nr.60 vom 13.3.2026, Wissen, S. 12). Die Psycholog*innen erklären das damit, dass die Vorstellung des Weltuntergangs diesen Menschen hilft, Verstehen und Sinnhaftigkeit für ihr Leben zu konstruieren.

Ich vermute, dass es klarer und konkreter ist, sich die Welt so vorzustellen, wie auch das eigene Leben wahrgenommen wird: als endlich, mit einem zeitlichen Anfang und einem Ende. Allerdings wissen wir gar nicht, ob die Welt einen zeitlichen Anfang und ein Ende hat, oder vielleicht in beide Richtungen ewig ist. Wenn sie das wäre, wäre es wahrscheinlich relativ sinnlos, danach zu fragen, welchen Sinn die Existenz der Welt hat, weil das Konzept „Sinn“ sich für begrenzt geisteskräftige Wesen wie uns in der Ewigkeit auflösen würde.

Steuernd für die Lebenspraxis der Apokalypse-Gläubigen scheint auch weniger die Antwort darauf zu sein, ob sie glauben, dass die Welt untergeht, sondern was sie glauben, wann das wahrscheinlich passiert – wer an ein nahes Ende glaubt, befürwortet eher plötzliche, drastische Verhaltensänderungen. Vielleicht ist die Vorstellung von der Lebensspanne der Welt ein bisschen wie ein Auge, mit dem wir nah oder fern fokussieren können, und wenn ich mal wieder glaube, dass Trump, Putin, Musk, Thiel, der Klimawandel und die KI die Welt sehr bald in den Abgrund stürzen, habe ich vielleicht einfach ein Akkomodationsproblem meiner inneren imaginativen Weltzeitlinse, ich kann nicht realistisch auf den Zeitraum der gedachten endlichen Existenz der Welt fokussieren, der sinnvoll ist, um zu wissen, was ich vernünftigerweise als nächstes tun sollte. Vielleicht gilt dasselbe auch für meinen Blick zurück zum Weltaufgang: Schaue ich kurz zurück, indem ich auf die „Welt“ im Sinne einer gemeinsam von Menschen geteilten Welt in unserer Kulturgeschichte blicke, komme ich zu ganz anderen Schlüssen, als wenn ich zum Punkt der extremsten bekannten Verdichtung des Universums, genannt „Urknall“, zurückblicke.

Postpatriarchale Trickkiste, Trick Nummer 5: Erkenne sekundären misogynen Sexismus

Als sekundären misogynen Sexismus bezeichne ich den spezifischen Hass auf Frauen, der aus dem Patriarchat entstanden ist, einer auf systematischer Gewalt aufgebauten Herrschaft von Männern über Frauen.
Viele Männer können heute Frauen nicht verzeihen, dass die im Patriarchat herrschenden Männer Frauen gewaltsam unterworfen haben. Um die eigene männliche Geschlechtsidentität vor Verachtung und Scham wegen dieser Gewaltherrschaft zu schützen, deklarieren Männer die patriarchalen Gewaltherrscher zu Opfern um, und die unterworfenen Frauen zu Täterinnen.
Solche Muster finden sich zum Beispiel in Mythen über verführerische Macht von Frauen, die ihre Vergewaltigung dadurch selbst verschuldet hätten, oder Phantasien darüber, dass Frauen Anschuldigungen von sexualisierter Gewalt als Machtmittel gegen Männer einsetzen würden.
Gewaltherrschaft entwürdigt auch die Herrschenden. Mythen über geheime weibliche Kräfte und die mysteriöse Macht von Frauen, wie sie zum Beispiel in Tradwife-Stories erzählt werden, deklarieren die Frauen zu den ursprünglich Schuldigen am patriarchalen, alle Menschen entwürdigenden Gewaltsystem um. Männer können sich das Patriarchat dann mithilfe solcher Phantasmen als Selbstverteidigung der Männer gegen solche geheimen Mächte von Frauen vorstellen. Die Story hat den Vorteil, dass gegenwärtige Siege über das Patriarchat in ihrem Rahmen als Bestätigung der Phantasmen von der mysteriösen Macht der Frauen gedeutet werden können. Damit bestätigt sich die Story in jedem möglichen Fall selbst und erscheint bewiesen, selbst wenn das Herrschaftssystem an Widerstand und den eigenen Widersprüchen und Dysfunktionalitäten scheitert, das Narrativ funktioniert also ähnlich wie bei vielen Verschwörungsmythen.
Sekundärer misogyner Sexismus entsteht auch daraus, das Männer Frauen nicht wirklich kennen und nicht gut verstehen, ihre Wissenslücken füllen sie dann mit solchen selbstbestätigenden Phantasmen aus, die echte Erfahrungen verhindern und so auch das Lernen neuen Wissens. Das massive Unwissen von Männern über Frauen entstand aus der patriarchalen Gewaltherrschaft, denn in dieser Situation konnten Männer in Herrschaftspositionen eine große Menge wichtiger Erfahrungen nicht machen, die sie nur in gleichberechtigten gewaltlosen Beziehungen zu Frauen machen können. Probleme mit Fragmenten und Abstufungen solcher Lernhemmnisse haben in Abstufungen glaube ich aktuell alle Männer, auch wir, die sich aus solchen Strukturen zu befreien versuchen.
Das Problem ist etwas modifziert auf andere Herrschaftsverhältnisse übertragbar. Unterwerfung durch Gewalt, auch in strukturell schon als normal geltenden, gewohnten Formen, verhindert Lernen und die Erweiterung von Wissen.
Wer mehr darüber wissen will, sollte unbedingt das Buch „Männer, Männlichkeit und Liebe“ von bell hooks lesen. Außerdem lohnt sich zu diesem Thema ein Blick in Rahel Jaeggis Buch „Kritik von Lebensformen“ und als historische Vorarbeit die Lektüre des Kapitels „Herrschaft und Knechtschaft des Selbstbewusstseins“ in Georg Wilhelm Friedrich Hegels „Phänomenologie des Geistes“ von 1806.