Was sind eigentlich normative Fakten?

Während meiner Examensarbeit bin ich auf einen Patriarchenbattle zwischen zwei Philosophen gestoßen, die ich beide ziemlich gut finde, nämlich Jürgen Habermas und Robert Brandom. Die beiden haben sich in mehreren Aufsätzen darüber gestritten, ob es normative Fakten, normative facts, gibt, die Teil der objektiven Welt sind, so dass man sie beobachten kann wie die Umlaufbahnen von Planeten. Robert Brandom meint, ja, in der Welt gibt es normative Fakten, die auch da wären, wenn wir nicht da wären, also egal, ob wir sie beobachten und darüber sprechen oder nicht, sie sind einfach da wie der Mount Everest oder diese Kiesel in Flüssen, die von der Strömung rundgeschliffen wurden.

Habermas meint, nein, alles Normative, also alle Regeln und alles Sollen wird von Menschen in Gesellschaften geschaffen, durch sie bestimmbar und veränderbar, weshalb es keinen Sinn macht, normative Sätze wie „Du sollst nicht töten“ als Element einer objektiven Welt zu betrachten, die halt einfach so ist, wie sie ist, ob sie nun von Menschen beobachtet wird oder nicht.

Ich war jetzt einigermaßen verwirrt, weil ich beide philosophischen Patriarchen sehr weise fand und jetzt, da sie sich stritten, keine Ahnung hatte, wem ich nun glauben sollte.

Jetzt lag ich vor ein paar Tagen in meiner Hängematte, als es mir wie Schuppen von den Augen fiel: Ich hatte den Ausweg aus meiner patriarcheninduzierten Verwirrung gefunden. Ich kann an dieser Stelle nur allen Leuten, die gerne philosophieren,  zur Anschaffung einer Hängematte raten, es philosophiert sich darin ganz formidabel.

Meine Lösung geht so: Klar gibt es normative Fakten einer objektiven Welt. Aber es gibt sie nicht unabhängig von Menschen. Normative Fakten sind historische Fakten: Wir leben alle in einer Welt, in der seit Jahrtausenden andere Menschen intentional gehandelt haben, das bedeutet, sie hatten bei dem, was sie taten, Ziele, und diese Ziele sind durch das bestimmt gewesen, was sie gut oder schlecht, richtig oder falsch fanden, das heißt, sie hatten Werte und Normen, nach denen sie gehandelt und über die sie gesprochen und geschrieben haben. Diese ganzen intentionalen Handlungen, die Gespräche, Bücher und manchmal auch Verbrechen, sind für uns, die wir in einer Welt mit dieser Vergangenheit leben, objektiv da, das bedeutet, sie wären auch da, wenn wir nicht da wären, sie sind einfach Teil der Welt, in die wir hineingeboren wurden, ohne das man uns gefragt hat, ob wir in einer Welt leben wollen, in der zum Beispiel Kreuzritter im 11. Jahrhundert aus ihrem christlichen Glauben die Pflicht abgeleitet haben, nach Jerusalem zu ziehen und dort Muslime abzuschlachten.

Deshalb hat natürlich Habermas auch gute Gründe, die Vorstellung von „normativen Fakten“ anzugreifen, weil er aus der philosophischen Schule der Kritischen Theorie kommt, und deren Grundidee ist die Emanzipation. Wissenschaft und speziell die Philosophie hat in dieser Schule die Aufgabe, Menschen dazu zu ermächtigen, die Regeln und Werte, nach denen ihre Gesellschaft funktioniert, gemeinsam und vernünftig zu kritisieren und wenn nötig zu verändern. Wenn es aber normative Fakten gäbe, dann könnten wir uns die Diskussion darüber, welche normativen Bestimmungen gelten sollen und welche nicht, gleich sparen, weil die dann einfach da wären und Punkt. Außerdem haben die Philosoph*innen der Kritischen Theorie  traditionell etwas gegen Traditionen, weil sie in Traditionen die Unvernunft vergangener Gesellschaften und die Absicherung von Herrschaftsverhältnissen vermuten.

Ganz in diesem Sinne muss ich jetzt leider auch noch dem zweiten Patriarchen widersprechen, nämlich Robert Brandom: All die historisch angereicherten intentionalen Handlungen, Gespräche, Regeln und Werte inzwischen toter Menschen sind zwar irgendwie objektiv da, aber wenn wir sie verstehen und für unser Leben Schlüsse daraus ziehen wollen, müssen wir sie zuerst interpretieren. Und um sie zu interpretieren, brauchen wir die Werte, Bedeutungen, Sinnkonstruktionen und Regeln des Verständnisses, die wir eben heute haben. Deshalb werden wir nie dahinterkommen, was eine Vorschrift aus dem 1. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung objektiv bedeutet, weil wir sie durch die Brille des 21. Jahrhunderts anschauen, und durch diese Brille sieht sie garantiert und unter allen Umständen zumindestens ein bisschen anders aus als aus dem Blickwinkel ihrer Schöpfer*innen von vor 3000 Jahren. Deshalb ist auch Gadamers Hermeneutik totaler Quatsch, derzufolge wir in den „Überlieferungszusammenhang“ einrücken können sollen, was heißen soll, dass uns der Sinn der Geschichte offenbart wird. Derrida hat deshalb auch Gadamer widersprochen und gezeigt, dass man oft Texte besser verstehen kann, wenn man von den Brüchen im Text, zwischen der Zeit des Textes und unserer Zeit und den Brüchen in der Geschichte selbst ausgeht.

Also haben meine beide Patriarchen Brandom und Habermas ein bisschen recht und ein bisschen unrecht, und am meisten recht habe ich, weshalb ich mich eigentlich etwas wundere, dass ich noch kein philosophischer Patriarch bin. Vielleicht liege ich zu viel in der Hängematte.

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