Ich werde fortschreitend konservativer

„Das Progressive lebt von Bewahrung des Erreichten.“ (Peter Sloterdijk, zitiert nach: Unfried, Peter: „Vom Ich zum Wir“ Berlin: Taz vom 1.12.2015, S. 5.)

Offensichtlich handelt es sich, mit Sloterdijks eigenen Worten, bei diesem Satz des großen Spontisophen um eine „konstruktive (…) Paradoxie (…) in Lernprozessen“. Dann will ich mal versuchen, zu lernen.

Als man das noch „Dialektik“ nannte, da hat man den Studierenden beigebracht, dass das Ziel des dialektischen Prozesses die „Aufhebung“ des Widerspruchs sei, im dreifachen Sinne von „Aufheben“ sollte der Widerspruch „aufgelöst“, dabei „bewahrt“ und „auf die nächste Stufe gehoben“ werden. Das muss ich also schaffen, um mein von Sloterdijk vorgegebenes Lernziel zu erreichen. Mal sehen, was ich machen kann.

Zuerst muss ich den Widerspruch entfalten. Was mich an dem Satz so aufregt, ist wahrscheinlich, dass ich mich als progressiv einordnen würde, um genau zu sein gehöre ich zu den von „Animositäten“ durchdrungenen „Altlinken“ (Sloterdijk, Ebd.), die irgendwie unverbesserlich daran festhalten, dass der Kapitalismus Scheiße ist und dass wir eine Gesellschaft der Zukunft schaffen sollten, in der alle Menschen frei, gleich und solidarisch sind. Deshalb sehe ich mich als progressiv an: Ich will eine Zukunft, die nicht so ist wie die Gegenwart. Und ich will eben nicht konservativ das Alte bewahren, weil es auf Ungerechtigkeit, Ungleichheit, Zwang und Konkurrenzkampf basiert, und das macht unglücklich. Also entweder ist man progressiv, oder konservativ, tertium non datur.

Aber mal genau überlegt: Zugleich ist meine Definition der besseren Zukunft offensichtlich total alt: Sie stammt nämlich aus der französischen Revolution, hieß da: „Liberté, Egalité, Fraternité“ und ist über 200 Jahre alt. Insofern lebt also auch mein progressives Denken vom Bewahren des Alten. Ich will sozusagen eine alte Zukunft. Mir sind auch diese neuen Zukünfte, die hier so produziert werden, irgendwie suspekt, zum Beispiel stellen sich viele Grüne wie Kretschmann die Gesellschaft der Zukunft anscheinend vor wie so eine Art Ritterburg mit Warp-Antrieb: Da ist man zugleich sicher und geborgen und kann sich trotzdem total schnell fortbewegen, wenn der Captain „Energize“ sagt.

Jetzt habe ich den Widerspruch konkretisiert. Aufgelöst ist er aber noch lange nicht. Vielleicht kann man das so machen: Meine Idee einer besseren Gesellschaft ist alt, aber sie ist halt auch noch nie in die Wirklichkeit umgesetzt worden, also kann man genausogut sagen, sie ist neu, weil sie noch nie so richtig abgenutzt worden ist. Es ist so, als würde man eine Uhr aus dem 18. Jahrhundert auf dem Dachboden finden, die in einer luftdichten Schachtel unter Vakuum aufbewahrt worden ist und nie von jemand benutzt worden ist, und jetzt besteht die Progression darin, dass wir die Schachtel aufmachen und das Ding aufziehen, in Gang setzen und mal sehen, wie gut es läuft.

Alte Ideen zum ersten Mal verwirklichen kann also sehr progressiv sein.

Was aber ist konservativ? Angela Merkel zum Beispiel. Sie hat durchgesetzt, dass dieses Jahr eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Das ist konservativ und zugleich progressiv: Angela Merkel hat das christliche Gebot „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ auf die heutige Zeit angewandt und daraus politische Schlussfolgerungen gezogen. Die uralte christliche Tradition ist damit durch Erneuerung bewahrt worden. Ist also die CDU heute die eigentlich progressive Partei?

Angela Merkel und Jean-Claude Juncker machen nicht nur Migrationspolitik. Sie zwingen gleichzeitig Griechenland zum Sparen, obwohl dort viele Menschen unter Armut leiden. Und die beiden Konservativen setzen das TTIP durch, obwohl dadurch in Zukunft die Demokratie und die Rechte der Menschen geschwächt werden. Es wird mehr Arme geben und die Reichen werden noch reicher. Das ist rückschrittlich, es richtet sich gegen das Erreichte: Die soziale Marktwirtschaft.

Wenn ich diesen Blogeintrag so Revue passieren lassen, muss ich zu meiner eigenen Überraschung feststellen, dass ich scheinbar ziemlich konservativ bin: Ich will nicht nur den christlichen Wert der Nächstenliebe, sondern auch die Demokratie des deutschen Grundgesetzes von 1948 und die Idee der sozialen Marktwirtschaft sowie die Ideale der französischen Revolution bewahren.

Hat Sloterdijk recht, und ich bin wegen meines Konservatismus progressiv? Ich glaube nicht. Ich glaube, ich bin progressiv und das sieht nur konservativ aus, weil es in der Vergangenheit Leute und Ideen gab, die auch heute noch progressiv sind, zum Beispiel Jesus („Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“ ca. Anno Domini 30) Abraham Lincoln („Democracy is government of the people, by the people, for the people“, 1859) die Autor*innen des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland („Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit“, 1948) und Karl Valentin („Die Zukunft war früher auch besser!“ ca. 1930).

1Peter Sloterdijk, zitiert nach: Unfried, Peter: „Vom Ich zum Wir“ Berlin: Taz vom 1.12.2015, S. 5.

2Ebd.

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