Bandscheibenvorfallsphilosophie

Wozu so ein Bandscheibenvorfall doch gut sein kann: Ich lag eben auf der Seite und habe meine Übung gemacht. Dabei wurde mir etwas sehr klar.

Und zwar habe ich die Augen geschlossen und gefühlt, was während der Übung in meinem Körper passierte. Die Fachleute haben mir mein Problem so erklärt: Ein spezieller Nerv wird von einer deformierten Bandscheibe in meinem Rückrat eingeklemmt, dort, wo der Nerv aus der Wirbelsäule austritt. Deshalb hatte ich schreckliche Schmerzen bis in den Fuß herunter. Jetzt tut es etwas weniger weh. Die Übung besteht darin, den Fuß anzuziehen und dabei gleichzeitig den Kopf in den Nacken zu legen, dann den Fuß langsam zu strecken und den Kopf auf die Brust zu legen.

Während ich das tat, spürte ich, wie es über meine ganze Seite von der Hüfte bis in den Fuß herunter zog und ein bisschen brannte.

So wie mir das erklärt wurde, kommt das Brennen aber nicht von der Hüfte oder dem Bein, sondern entsteht dadurch, dass der Nerv an seiner Wurzel, wo er aus der Wirbelsäule austritt, gedrückt und dabei gereizt wird.

Ich hab das dann gespürt und dachte: Wie seltsam, dass mein Nerv gar nicht signaliisieren kann, wo genau es ihn schmerzt, der Schmerz wo ganz anders herzukommen scheint, als er wirklich kommt, und wieso mein Körper mir die Illusion gibt, dass es wo schmerzt, dabei das Problem aber an einer anderen Stelle liegt.

Ich habe mal gelesen, dass manchmal Leute am Gehirn operiert werden, während sie wachs sind, das geht, weil das Gehirn selbst keine Schmerzrezeptoren hat und man also nichts spürt, während einem einer in der Großhierrinde rumschnipselt. Nur die Kopfhaut und die Hirnhaut sind wahrscheinlich sensibel, der Rest dadrunter ist anscheinend einfach sehr sehr taub.

Dasselbe trifft offensichtlich auch auf meinen Nerv zu, denn da, wor er eingeklemmt ist, spüre ich gar nichts.

Ich hab dann überlegt, warum das so ist. Es wär doch viel besser, wenn jeder Nerv den anderen Nerven signalisieren könnte: An der Stelle tuts mir weh. Dann kann der Gesamtorganismus dafür eine Lösung finden, statt im Nebel zu stochern, was denn nun eigentlich schif läuft. Die Natur ist jetzt nicht so eine schlechte Baumeisterin, warum macht sie es nicht so?

Dann hab ich eine Hypothese dazu entdeckt: Wenn mein Nerv zusätzlich zu den Schmerzinformationen aus dem großen Zeh (wenn ich mir den zum Beispiel stoßen würde) jetzt auch noch ans restilche Nervensystem die Info schicken würde, dass es ihm auch auf der Informationsbahn weh tut, dann könnte das zu folgendem Problem führen: Wenn der Reiz groß genug ist, den der Nerv weiterleitet (also bei starken Schmerzen), könnte der Reiz auf der Bahn selbst wegn der hohen Signalstärke Schmerzen in den leitenden Zellen hervorrufen. Diesen Schmerz würden die dann ebenfalls weiterleiten, was zu einem sich selbst verstärkenden Echo von Schmerzsignalen führen könnte. Eine Schmerzspirale.

Deshalb müssen sich nach meiner Hypothese Nerven relativ neutral anfühlen, sie könnten sonst keine Signale über Gefühle weiterleiten. Deshalb können wir Schmerzen nur da spüren, wo die Nervenbahnen enden, an der Haut oder an den Organen.

Wie man merkt, bin ich nicht medizinisch gebildet, keine Ahnung, ob das annähernd stimmt. Aber ich hatte dann eine philosophische idee im Anschluss daran, und da bin ich ziemlich sicher, dass sie stimmt:

Wenn ich diese Schmerzbesonderheit mit der Schmerzspirale als Metapher nehme für das Verhältnis von Gefühlen und Denken, wobei die Nervenenden für die Gefühle und die Nervenbahnen für das Denken stehen, dann bedeutet das: Ohne Gefühle kann mein Denken sich nicht selbst signalisieren, was mit ihm passiert. Nicht nur sind Begriffe ohne Anschauung leer – das begriffliche Denken kann sich auch selbst nicht begreifen ohne Gefühle.

Das heißt: Denken ist ein leiblicher Vorgang, kein rein geistiger. Leiblich heißt: Ich denke immer als ganzer Mensch, als Körper-Sprache-Verstand-Beziehungs-Handlungs-Empfindungs-Gewohnheits-Gefühls-Geist-Wesen. Mentale Prozesse kann man vielleicht analytisch, zu bestimmten Zwecken, so beschreiben, als ob sie rein kognitiv wären, aber das ist eine Abstraktion, die in der Regel, und ohne ihren Reduktionismus zu reflektieren immer, zu mehr Problemen führt, als sie löst.

Als mir das einfiel, hatte ich sofort weniger Schmerzen. Jetzt fangen sie wieder ein bisschen an, ich hab zu lange gesessen und geschrieben. Bis dann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.