Mein Alltag im Spätkapitalismus, die SUVs und eine gute Freundin

Ich hab mir von einer Freundin eine Taktik abgeschaut, um mit meiner Wut klarzukommen, und sie aber leicht variiert, und zwar mache ich folgendes: Wenn ich mal wieder mit meinem Fahrrad in der Stadt fahre, und total genervt bin, weil alle Leute sich komisch verhalten, oder einfach, weil ich mal wieder Bauchschmerzen, Rückenschmerzen oder Seelenschmerzen habe, dann denke ich „Scheiß Autofahrergesellschaft!“ Manchmal sage ich es auch halblaut vor mich hin, und wenn die Karren total laut sind, sage ich es auch laut, in der Hoffnung, dass niemand denkt, dass ich bescheuert bin. Egal.

Zu der Autofahrerei habe ich einen Song angefangen, dessen Fragment ich hier mal präsentiere:

We kill the trees and the feelings

it’s hard to feel while we drive in our cars

loving feels like stealing

and we pour our freedom from our jars.

 

Say No, this ain’t living

Say No, this ain’t life

Say I’ll never give in

Say No this ain’t life

Also: An allem ist die Scheiß Autofahrergesellschaft schuld! Ozonloch, Kriege, Bauchmerzen, Gestank, nervöse Leute, Hass in den Köpfen, alles die Scheiß Autofahrerei! Pfui! Und ich mit meinem Fahrrad mitten drin. Da soll mal einer klarkommen.

Das einzig blöde ist, dass ich jetzt gestern und vorgestern insgesamt etwa 300 km mit dem Auto meiner Eltern gefahren bin, davon 140 Kilometer einfach nur, weil ich abends in meinen Lieblingstanzclub in Marburg gehen wollte, und am nächsten Tag in Köln beim 1. Geburtstag meiner kleinen Nichte sein wollte, und weil unsere Familie in fünf Städten verteilt wohnt, könnten wir uns ohne Auto kaum treffen. was mache ich nun mit meinem Hassmantra? Drauf verzichten kann ich nicht, weil ich halt oft Hass und Wut fühle und es auch nicht richtig klappt, mir einzureden, das schon alles irgendwie in Ordnung ist, so wie es ist.

Am schlimmsten sind diese Privatpanzer, die sie „SUV“ nennen. Das ist das kapitalistische Symbol im Moment. Die SUV Besitzer können 100000 Tacken für so einen Scheiß Privatpanzer ausgeben, und ich kann mir als verbeamteter Lehrer mit halber Stelle noch nicht mal ein gebrauchtes Mountainbike kaufen, seit mein altes geklaut worden ist! OK, ich hab es auch nicht abgeschlossen, sonst wäre es mir nicht geklaut worden, aber ein bisschen Glaube an die moralische Integrität meiner Mitmenschen ist mir trotz der etwa 15 Räder, die mir in meinem Leben schon geklaut worden sind, abgeschlossene und unabgeschlossene,halt trotzdem geblieben.

Wenn es bei mir als verbeamtetem Lehrer schon finanziell so knapp ist, wie soll es erst einer alleinerziehenden Hartz-IV-Bezieherin gehen? Die würde sicher mit einem Auto wesentlich besser ihren Alltag bewältigen können, kann sich aber keins leisten, weil die SUV Besitzer einen Wagen im Wert von 10 normalen Wägen besitzen und damit die Straßen unsicher machen.

Wenn ich so drüber nachdenke, dann fällt mir auf, dass ein Auto nicht immer was schlechtes ist. Ich war echt glücklich beim Tanzen und auf dem Geburtstag meiner Nichte, und verdammt nochmal, ein Alltag als Alleinerziehende ist hart genug, wenn ein Auto gebraucht wird, dann her damit! Vielleicht können wir eine Steuer auf SUVs erheben, die sich so richtig gewaschen hat, und das zu den Hartz-IV Geldern umverteilen. So lange, wie die Politiker*innen das nicht gebacken kriege, sage ich weiter leise und auch laut:

Scheiß Kapitalismus!

 

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