Sinnieren über Kate Bushs: „Oh England, my Lionheart“

Einer meiner Lieblingssongs unter denen, die ich in den letzten Jahren durch Tipps von Freund*innen entdeckt habe, ist Kate Bushs poetische Hommage an – ja an was? An ihr Heimatland, bin ich versucht zu sagen, hätte „Heimat“ nicht seit vielen Jahrzehnten einen kontaminierten Klang in der deutschen Sprache.

Eine Strophe aus dem Song lautet:

„You read me Shakespear on the rolling Thames

That Old River Poet that never, ever ends

Our Thumping Hearts hold the Ravens in

And keep the tower from tumbling“

Vor langen Jahren hatte ich ein Streitgespräch mit meinem alten Freund Christian, der entgegen meiner linken Sicht Patriotismus gegen Nationalismus abgrenzte und letzteren ablehnte, während er patriotische Haltungen verteidigt hat. Damals fühlte ich mich unwohl, weil ich ihm nicht zustimmen wollte, aber auch nicht ablehnen konnte, was er sagte.

Heute, während ich Kate Bushs poetische Huldigung an England höre, denke ich: Was würde ich darum geben, ein Lied an Deutschland schreiben zu können, in dem ich dem Land, in dem ich lebe, geboren bin und dem ich mich verbunden fühle, so eine Zuneigung ausdrücken könnte.

Ich würde darin zum Beispiel, wie Kate Bush hier ihrem Land für Shakespears Poesie dankt, Deutschland danken würde für Goethe und sein donnerndes „Sie ist gerettet.“, das aus der Kulisse für das Gretchen im Faust erschallt, und für seinen „Geist, der stets verneint, und das mit recht, denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zu Grunde geht.“ Es wäre ein Lied, in dem ich singen könnte:

„Und uns geht eines immer vor:

Unsere Skepsis soll genügen

zu schützen das Brandenburger Tor

vor jeglichen  weiteren Fackelzügen“

Aber das Brandenburger Tor ist als Symbol übel behaftet und wird von „Identitären“ besetzt, die einen Haken als Symbol benutzen und ich kann nicht von Herzen ein Lied singen, das mich vielleicht wider Willen in ihren Chor eingemeindet.

Ach, Deutschland, wie traurig ist es, in Deinen Mauern zu leben, und zu wissen, was sie über lange Zeit schützten: Sie schützten zu viel Hass, um sie zu mögen, und zu viel Liebe, um sie zu verabscheuen. Verwirrt über der Frage, ob ich jetzt Patriot bin: Arne Erdmann.

Ein Gedanke zu „Sinnieren über Kate Bushs: „Oh England, my Lionheart“

  1. Das schreibt Bertolt Brecht zu meiner Frage:

    „Vaterlandsliebe, der Haß auf Vaterländer

    Herr K. hielt es nicht für nötig, in einem bestimmten Land zu leben. Er sagte: „Ich kann überall hungern.“ Eines Tages aber ging er durch eine Stadt, die vom Feind des Landes besetzt war, in dem er lebte. Da kam ihm entgegen ein Offizier dieses Feindes und zwang ihn, vom Bürgersteig herunterzugehen. Herr K. ging herunter und nahm an sich wahr, daß er gegen diesen Mann empört war, und zwar nicht nur gegen diesen Mann, sondern besonders gegen das Land, dem der Mann angehörte, also dass er sich wünschte, es möchte vom Erdbeben vertilgt werden. „Wodurch“, fragte Herr K, „bin ich für diese Minute ein Nationalist geworden? Dadurch, dass ich einem Nationalisten begegnete. Aber darum muss man die Dummheit ja ausrotten, weil sie dumm macht, die ihr begegnen.“
    (zitiert aus: Bertolt Brecht: Geschichten von Herrn Keuner. In: Brecht, Bertolt: Gesammelte Werke 12. Prosa 2. Suhrkamp: Frankfurt a.M. 1975, S. 378.)

    Ich würde gerne einem Gespräch zwischen Brecht und Kate Bush zuhören, in dem es um die Liebe zu dem Land geht, in dem man lebt. Ich glaube, das würde meine Verwirrtheit auflösen. Vielleicht würde Kate Bush Brecht antworten, daß es schön ist, sich zu Hause zu fühlen und mit Menschen verbunden zu sein, die ganz anders sind als man selbst, aber sich demselben Land verbunden fühlen.

    Jürgen Habermas hat sinngemäß geschrieben, dass Nationen ein notwendiges Übergangsstadium zu einer solidarischen Gesellschaft sind, weil sie „Solidarität unter Fremden“ ermöglichen.

    Vielleicht kann ich meine Verwirrung so auflösen: Mich zu Hause fühlen in meinem Land, indem ich andere ausgrenze, muss scheitern, weil ich dadurch immer Angst haben werde, selbst irgendwann ausgegrenzt zu werden. Wenn wir aber unser Land öffnen, indem wir unsere Lebenswelt zugänglich machen und es allen ermöglichen, die Literatur, die Sprache, die Sitten und die Musik unserer Landes kennenzulernen und sie sich vertraut zu machen, ist das eine Möglichkeit, uns hier zu Hause zu fühlen.

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