Der Menschenpark lädt nicht zum Spazierengehen ein

Leider wird mir vieles, was mir früher völlig klar erschien, mit den Jahren immer undeutlicher: Mir war zum Beispiel früher klar, dass Peter Sloterdijk auf dem Holzweg war, als er 1999 seine Rede zum „Menschenpark“ hielt, in der er biotechnologische Manipulationen wie die gezielte Veränderung menschlicher Gene hoffähig zu machen versuchte.

Ich war also voll auf Habermas Seite, der Sloterdijk öffentlich massiv kritisierte. Und Sloterdijk hat sich ja auch eine besonders üble Kombination ausgesucht, indem er ausgerechnet den Nazi Heidegger als philosophischen Kronzeugen für eine Verteidigung der Züchtung des Menschen durch Gentechnik heranzog.

Nun ist Sloterdijk ein agent provocateur der Spontibewegung in der deutschen Gegenwartsphilosophie, und ist seiner Rolle da besonders gut gerecht geworden.

Anlässlich einer Debatte in der Programmgruppe von Blockupy bin ich dieses Jahr in Emails ziemlich ausgeflippt, als jemand Sloterdijk zu einer Podiumsdiskussion einladen wollte, weil ich dessen philosophische Position zur Eugenik katastrophal fand. Ich habe deshalb aber nochmal über mein persönliches Hauptargument gegen einen „Menschenpark“ nachgedacht. Ich habe immer gedacht, es muss antiemanzipativ sein, wenn man menschliches Erbgut gezielt verändert oder selektiert, weil der Züchtende zwangsläufig immer jemand anderes ist als der Gezüchtete, und letzterer deshalb den Entscheidungen des Züchtenden vollkommen ausgeliefert ist.

Jetzt wurde mir klar, dass dieses Argument auf Sand gebaut ist: Wir sind schließlich, wenn wir Genmanipulationen am Menschen aus ethischen Gründen verbieten, einfach auch die Opfer einer sich blind vollziehenden Naturkausalität: Welche Gene sich wie kombinieren, ist Sache einer Zufallslotterie, in der manchmal auch Erbkrankheiten wie Mukoviszidose weitergegeben werden. Wir stehen also einmal mehr vor einer Entscheidung, in der es keine gute, emanzipatorische Alternative gibt: Entweder zukünftige Kinder sind dem Willen von genmanipulierenden Menschen oder dem Zufall eines natürlichen Rekombinationsprozesses ausgeliefert.

Ich habe jedenfalls weder Vertrauen in die Natur, noch glaube ich an Gott, so dass der genetische Vererbungsprozess mir als eine besonders ungerechte Lotterie vorkommt, deren Lose wir alle ziehen und mit deren Ergebnis wir dann leben müssen. So gesehen müsste ich eigentlich auf Sloterdijks Seite stehen und die minimale Selbstbestimmung des Menschen über seine eigenen Nachkommen, die die Gentechnik eröffnet, gutheißen.

Allerdings: Sollten sich in den nächsten Jahrzehnten Selektion und Manipulation von Erbgut durch den Menschen gesellschaftlich durchsetzen, wird ein Haufen anderer Probleme auf uns zukommen: Die Struktur der Familie wird sich rapide verändern, weil Kinder Eltern die genetischen Dispositionen, mit denen sie versorgt wurden, zum Vorwurf machen werden. Es wird gezüchtete Eliten geben von Menschen, die sich die Dienste einer aufwändigen und teuren Reproduktionsmedizin leisten können, und demgegenüber viele Menschen, die von der Nutzung dieser Technik ausgeschlossen sind. Es wird auch viele technische Fehler geben, durch die Menschen gezwungen sind, mit genetischen Codierungen zu leben, die unerwünschte Nebenwirkungen haben.

Der Futurologe Stanislaw Lem hat in seinen Sterntagebüchern den Sternreisenden Ijon Tichy einen Planeten besuchen lassen, auf dem die Bewohner gelernt hatten, ihr Erbgut nach Gutdünken zu verändern. Die Geschichte dieser Spezies beschreibt Lem als die absurde und skurile Folge völlig blödsinniger Trends: So gibt es Personen mit acht Beinen und „Doppler“ mit zwei Hinterleiben und ohne Kopf. Alle Manipulationen verursachen in der Geschichte letztlich mehr Probleme als sie lösen.

Ich glaube mit Lem und Habermas also immer noch, dass Menschenzüchtung Quatsch ist. Und wie schön ist das denn: Offensichtlich produziere ich für meine Meinungen, die sich einmal festgesetzt haben, immer neue Argumente, die sie stützen, sobald der Vernunftprozess die alten Argumente widerlegt hat.

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