Die Arroganz eines Nachgeborenen

Ein Kommentar zur Rezension: Bisky, Jens: „Du bist ein Mensch, beweise es“. In: SZ Nr. 59, 10./11.März 2012. S. 19.

Der Feuilletonist Jens Bisky hat in der Süddeutschen Zeitung eine Neuausgabe von Bruno Apitz „Nackt unter Wölfen“ rezensiert, des Romans, in dem Apitz von seinen Erfahrungen als Gefangener im KZ Buchenwald und dem Widerstand der Kommunisten gegen SS-Wärter und andere Kriminelle, die als Wärter eingesetzt wurden, berichtet.

Bisky wirft Apitz vor, der Autor neige zu Pathos. Nun heißt ja Pathos wörtlich übersetzt Leiden. Wenn es einen Grund gibt, pathetisch zu schreiben, dann die Tatsache, wegen Widerstands gegen die Nazis in ein Konzentrationslager gesperrt, dort gefoltert und entwürdigt zu werden und sich und andere nicht oder nur sehr begrenzt gegen die Gewalt der Nazis schützen zu können. Bisky gehört zu den intellektuellen Deutschen, denen es anscheinend so an Imaginationskraft mangelt, dass sie ihre ästhetischen Urteile überhaupt nicht mehr mit Sensibilität formulieren können.

Schattierungen, Konflikte und Widersprüche im Handeln des Widerstands dürfen nicht verschwiegen werden. Dass zum Beispiel Stefan J. Zweig durch die Kommunisten nur gerettet werden konnte, indem sie einen jungen Roma in den Tod schickten, ist aber Effekt der ekelhaften Mordmaschinerie der Nazis und kann nicht dem Widerstand gegen sie vorgeworfen werden. (Vgl. http://wilfriedscharf.de/2012/02/25/einigung-uber-das-kind-von-buchenwald/) Ich will eine realistische Darstellung der Taten der Kommunisten in Buchenwald. Das lässt sich aber aus der historischen Distanz von 60 Jahren, ohne die mörderischen Zustände im KZ selbst erlebt zu haben, leicht und wohlfeil fordern. Apitz hat sein Buch sehr bald nach der Befreiung des Kzs durch einen kommunistisch organisierten Aufstand veröffentlicht, dessen Darstellung in Apitz Roman Bisky in versuchter ironisierender Übersteigerung als „antifaschistisches Happy End“ bezeichnet, um gleich anzuschließen, Apitz Buch sei von der KZ-Überlebenden und Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger, als „Kitschroman“, als „der Inbegriff von KZ-Sentimentalität“ bezeichnet worden.1 Bisky enthält sich vornehm einer Wertung dieser Wertung, man kann nur schließen, dass er zustimmt. Sentimental nenne ich einen Menschen, dessen Geist von Gefühlen überwältigt ist. Wäre ich Apitz, und ich hätte gerade Jahre des Leidens durch einen selbst organisierten Aufstand beendet, und ich dächte später an diesen Aufstand zurück, ich wäre sentimental, bis mein Geist von Gefühlen ganz getränkt wäre.

Ein gänzlich unsentimentales Buch, in dem der Autor ebenfalls von seinen Erfahrungen im KZ Buchenwald berichtet, ist Imre Kertész „Roman eines Schicksalslosen“. Der Autor verwendet eine andere ästhetische Strategie, als es Apitz tut: Die Ich-Figur berichtet sachlich, völlig verzichtend auf Emotionalisierungen, von den schrecklichen Dingen, die ihr passieren. Gerade dadurch musste ich lesend in Tränen ausbrechen: Mit unbarmherziger narratologischer Kälte und Teilnahmslosigkeit zeigte mir Kertesz, dass die SS-Schergen durch ihre Gewalt und ihren Terror die Gefühle dieses Ich-Erzählers abtöten und damit versuchen wahrzumachen, was Teil der rassistischen und faschistischen Ideologie war: Dass die Menschen, die sie in KZs gesperrt haben, keine Menschen seien.

Zu Walter Krämer, der in Apitz Roman einer der kommunistischen Helden ist, fehlt in Biskys Artikel unter anderem folgende Information: „Er eignete sich medizinische Kenntnisse im Selbststudium an, organisierte die Krankenversorgung und führte auch selbst Operationen durch, um zum Beispiel durch Misshandlungen der SS verletzten oder von erfrorenen Gliedmaßen betroffenen Mithäftlingen das Leben zu retten.“2

Wer ein Held war, wie Walter Krämer, der es geschafft hat, wenigstens etwas Menschlichkeit im KZ zu bewahren, obwohl er und alle um ihn herum entmenschlicht werden sollten, der verdient es auch, als Held dargestellt zu werden, und wenn Autoren wie Bisky aus ihren bequemen Lehnsesseln in den 2010er Jahren heraus sich über das „Pathos“ und die „Sentimentalität“ von Apitz erheben wollen, dann sollen sie lieber nochmal nachdenken und Kant lesen, der Vorstellungskraft als Vorbedingung von Vernunft begriffen hat, anstatt pseudointellektuelle ästhetizistische Phrasen zu dreschen und sie als Literaturkritik zu tarnen.

Nach den KZs wird die Vernunftkonzeption der Moderne brüchig. Die Frage Kants „Was ist der Mensch?“ muss deshalb neu beantwortet werden. Ich kann mir nun meine eigene Antwort geben nach dem, was ich in den Romanen gelesen habe: Der Mensch ist ein Wesen, das sich selbst seine Würde nehmen kann, indem es versucht, anderen ihre Würde zu nehmen, wie es die Nazis getan haben. Und der Mensch ist ein Wesen, das um seine Würde kämpfen kann, wie es Apitz getan hat. Und manche Menschen sind bereit, ihre Ermordung zu riskieren, wenn sie ihre Würde und das Leben ihrer Mitmenschen nur dadurch bewahren können. Diese Menschen sind Helden. Walter Krämer gehörte dazu. Er hat dafür mit seinem Leben bezahlt.

Ich bin froh, dass die Gewalt gegen Kommunisten heute und in diesem Land sich nicht durch Schüsse und Giftspritzen verkörpert.

Biskys intellektuelle Kaltherzigkeit aber ist eine perfide Form der Gewalt, die inakzeptabel ist, weil sie nur einen Grund hat: Einen antikommunistischen Reflex. Wer keinen Respekt vor einer Ideologie hat, die zum Beispiel für Walter Krämer und Bruno Apitz ein Grund war, sich gegen Entwürdigung und Terror der Nazis zur Wehr zu setzen, der soll sich, bevor er das in die Öffentlichkeit trägt, zuerst nocheinmal die ersten 20 Artikel des Grundgesetzes durchlesen. Das Grundrecht, für seine politische Überzeugung nicht verfolgt zu werden, erstreckt sich auch auf kommunistische Überzeugungen.

Zur Nachgeschichte des Nazi-Vernichtungsterrors gehört aber auch, dass stalinistische Kommunisten Raoul Wallenberg nach dem Einmarsch der Roten Armee deportierten. Wallenberg hatte als schwedischer Diplomat in Budapest 1944/45 viele ungarische Juden vor der Ermordung geschützt, in der Stadt, in der auch György Konrád knapp überlebte. Die stalinistischen Mörderbanden haben den Helden Wallenberg ermordet, bloß weil sie glaubten, der Diplomat aus einer Bankiersfamilie sei ein westlicher Agent. (Vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Raoul_Wallenberg, letzter Zugang: 10.3.2012) Diese Form des Kommunismus schützt die politische Freiheit des Grundgesetzes nicht.

Solange wir uns an Raoul Wallenberg und an Walter Krämer erinnern, werden wir Demokraten bleiben.

1Zitiert nach: Bisky, Jens: „Du bist ein Mensch, beweise es“. In: SZ Nr. 59, 10./11.März 2012. S. 19.

2http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Krämer_(Politiker) Letzter Zugang: 10.3.2012

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