Revolution: Neue Metapher entdeckt

Wer sich wundert, warum es Angela Merkel nicht hinkriegt, unsere Probleme zu lösen, und stattdessen lieber mit dem kasachischen Diktator Nursutlan Nasarbajew über Öl-Importe aus Kasachstan verhandelt, wird mit Gewinn diesen Text lesen, denn ich habe nach Jahren reiflicher Überlegung, bei der nur reichlich Rubbish rausgekommen ist, endlich die Metapher produziert, die das erklärt.

Und zwar, ich muss etwas ausholen, habe ich ja mit 14 das kommunistische Manifest von Karl Marx gelesen. Danach hatte ich eine grobe marxistische Idee von den Triebkräften, die die Geschichte durch Revolutionen vorwärtsbringen. Diese grobe Idee war die Folgende: Allem zugrunde liegt der Kampf zwischen denen, die Macht und Geld haben, und denen, die keins von beidem haben.

Ich bin aber nicht dumm und habe selbst gemerkt, dass das ein etwas zu schlichtes Konzept ist. Deshalb habe ich studiert und an der Uni die Feinheiten von Marx Theorie kennengelernt.

Dies sind vor allem folgende drei:

1. Revolutionen entstehen, wenn die politischen Rahmenbedingungen nicht mehr mit den wirtschaftlichen Kräften schritthalten. Zum Beispiel, wenn die Leute mit Macht nicht mehr dieselben sind, wie die Leute mit Geld. So war das jedenfalls zu Marx Lebzeiten, als die Adeligen die Macht, aber die bürgerlichen Unternehmer das Geld hatten.

2. Das Problem an der Sache ist bloß: Zu der Zeit, in der dieser Widerspruch zwischen politischen Rahmenbedingungen und wirtschaftlichen Kräften auftritt, nehmen die Leute, die davon betroffen sind, das nicht wahr. Deshalb klammerte sich der Adel an die Macht im monarchistischen Staat und die bürgerlichen Unternehmer auch. Der Kaiser war dann überfordert, weil hier zwei Gruppen von ihm ganz Unterschiedliches wollten, was er nicht beides zugleich machen konnte, und fing den 1. Weltkrieg an. Es starben 17 000 000 Menschen, Deutschland verlor und die Leute in Deutschland machten eine Revolution und schafften die Monarchie ab.

Den Grund, warum Leute zu der Zeit, in der sie leben, nicht wahrnehmen, was schiefläuft und warum es nicht funktioniert, hat Marx „Ideologie“ genannt. Seiner Meinung nach denken Leute ideologisch, weil die Gesellschaft sie zwingt, nur das wahrzunehmen, was die bestehenden Strukturen der Gesellschaft nicht gefährdet, wenn es wahrgenommen wird, und alles andere auszublenden.

Das „Ausblenden“ ist jetzt aber noch nicht die Metapher, die ich erfunden habe. Ich war irgendwie unzufrieden mit der Theorie von Marx, weil mir nicht ganz klar war, wieso ausgerechnet die Leute, die das nachgeplappert haben und sich selbst „Marxisten“ nannten, den Durchblick durch die ganze Ideologie haben sollten. Wenn die Theorie von Marx stimmt, könnten sie ja selbst, wie alle anderen auch, die Gesellschaft nicht so wahrnehmen, wie sie wirklich ist.

Jetzt wurde die DDR ab 1948 nach der Theorie von Marx geleitet, aber die Leute haben die marxistische DDR-Leitung 1989 nach Hause geschickt. Offensichtlich haben also Erich Honecker und Egon Krenz, obwohl sie Marx Theorie kannten, entweder ihre Gesellschaft falsch eingeschätzt, oder sie wollten selbst nicht mehr an der Macht bleiben. Die einen in der Leitung wahrscheinlich so, die anderen so. Vielleicht hat also Marx doch recht, und auch die Marxisten können die Gesellschaft nicht wahrnehmen, wie sie wirklich ist, weil ihre Ideologie ihnen im Wege steht, besonders dann, wenn sie die Macht haben. Das haben die Marxisten im Bezug auf die bürgerlichen Unternehmer auch schon so gesehen: Diese hätten zwar die Macht, aber sie hätten keine Ahnung, wie die Gesellschaft funktioniert, weil sie selbst der Ideologie aufgesessen seien, die ihre Macht sichert.

Falls Du Dich wunderst, warum die Marxisten nicht mit Marx übereinstimmen: Marx hat selbst gesagt « Moi, je ne suis pas marxiste» „Ich bin kein Marxist.“(https://fr.wikipedia.org/wiki/Marxisme, letzter Zugriff 2.3.2012), ) Damit hatte er Recht.

Soweit, so gut. Bleibt immer noch die Frage: Warum macht Angela Merkel Geschäfte mit dem kasachischen autoritären Präsidenten, anstatt die Solarenergie zu fördern, obwohl Marx schon vor über 150 Jahren in einem Buch, was Merkel sicher in der DDR in der Schule lesen musste, erklärt hat, dass die wirtschaftlichen Kräfte, wenn sie in Konflikt mit den politischen Rahmenbedingungen kommen, diese in einer Revolution sprengen? Zum Beispiel streicht die CDU die Förderung für die neue wirtschaftliche Kraft (Solarindustrie) und verhandelt lieber mit autoritären, undemokratisch regierenden Präsidenten, um die alte wirtschaftliche Kraft (Ölindustrie) zu schützen. Will Merkel die Revolution? Wahrscheinlich nicht, denn sie ist ja an der Macht und will das, im Gegensatz zu Köhler und Koch, wohl auch bleiben. Warum riskiert sie dann, dass die neuen wirtschaftlichen Kräfte die alten politischen Rahmenbedingungen sprengen? Jetzt kommt gleich meine neue Metapher.

3. Die wirtschaftlichen Kräfte hat Marx „Basis“ genannt, die politischen Rahmenbedingungen „Überbau“. Dazu gehören auch alle Formen, in denen Menschen „Ideologie“, verzerrte Wahrnehmung, beigebracht wird: Schule, Fernsehen, Militär, Zeitungen, Blogs… Moment! Wie will ich denn eigentlich dem geneigten Leser weismachen, was ich jetzt schreibe, sei keine Ideologie, wenn doch mein Blog auch zum Überbau gehört?

Na ja, die Metapher ist trotzdem gut. Sie geht nämlich so: Die Basis (die wirtschaftlichen Kräfte) ist die Hardware des Gesellschaftssystems, der Überbau ist das Betriebssystem und die Ideologien sind die Software. Da gibt es Programme, die heißen „ökologisch“ (steuern den Umweltschutz) oder „liberal“ (steuern den Freiheitsschutz) oder „konservativ“ (steuern den Traditionsschutz) oder „sozialistisch“ (steuern den Sozialschutz). Der Überbau, das Betriebssystem, ist in der BRD, Frankreich und den USA „Demokratie“, in Kasachstan „Autoritarismus“ und im Kongo gibt es keins. Deshalb werden da viele Leute gefoltert, weil die USA Schrottprogramme von Ideologien dahin exportieren, die sie selbst nicht zu Hause laufen lassen wollen, weil die mit dem demokratischen Betriebssystem inkompatibel sind: Evangelikale schneiden deshalb im Kongo Kindern, die anders sind als die anderen Kinder, Fleischstücke raus, weil sie glauben, da würden Dämonen drin wohnen.

Rechtgläubig marxistisch lässt sich Merkels Verhalten darauf aufbauend so erklären: Der Überbau, also das Betriebssystem unseres Gesellschaftssystems, hinkt der Basis, also der wirtschaftlichen Hardware, immer etwas hinterher. Die Demokratie wäre in diesem rechtgläubig marxistischen Bild das passende Betriebssystem für eine Basis, die noch auf fossilen Brennstoffen läuft, und die Solarenergie würde das Betriebssystem sprengen.

Jetzt bin ich aber nicht rechtgläubig marxistisch, und deshalb passt mir diese Erklärung nicht. Ich glaube nämlich, dass das Betriebssystem Demokratie auf fast jeder modernen wirtschaftlichen Basis als Hardware läuft. Ob mein und Dein Computer mit Fossil- oder Solarenergie läuft, das ist für mich als Internetblogger mit politischer Botschaft egal. Dasselbe gilt auch für die Beleuchtung im Bundestag. Jedenfalls solange, wie uns die Klimakatastrophe nicht den Stecker zieht.

Aber meine Metapher hat zusätzlichen einen Vorteil gegenüber den rechtgläubig marxistischen Erklärungen: Es gab nämlich einen Wissenschaftler, Max Weber, der im Gegensatz zu Marx meinte, nicht nur die Basis könne den Überbau zwingen, sich zu verändern, sondern der Überbau könne auch die Basis verändern. Also metaphorisch gesprochen: Nicht nur die Hardware verändere die Software, sondern die Software verändere auch die Hardware. Und genau das ist ja dann den DDR-Marxisten passiert: Wirtschaftlich, an der Basis oder in der Hardware, änderte sich wenig. Man muss nur mal die Trabimodelle von 1965 mit denen von 1985 vergleichen und schauen, wie viele Neuerungen eingebaut wurden, und sich dann noch die Skyline von Bitterfeld in den 80ern vorstellen, dann weiß man, dass die DDR-Hardware total veraltet war. Trotzdem haben die Leute eine Revolution gemacht und die marxistischen alten Knacker nach Hause geschickt. Logischerweise waren die total überrascht, weil das nach ihrer Theorie gar nicht hätte passieren dürfen.

Und jetzt kommt Weber ins Spiel: Die Leute hatten nämlich in der DDR zwar einen ziemlich miesen Überbau, mit Stasi und Überwachung, der sie zu zwingen versuchte, die Ideologie des Sozialismus anzunehmen. Aber so ganz hat das nicht geklappt, weil die Leute heimlich Westfernsehen gekuckt haben, sich Rolling-Stones-Platten auf dem Schwarzmarkt gekauft haben, in Bruchbuden auf dem Prenzlauer Berg ihre eigene Kunst gemacht haben, in die Kirche gegangen sind und außerdem Udo Lindenberg in die DDR gefahren ist, um im Sinne der Völkerverständigung Konzerte zu geben. Das Problem war, das war den DDR-Leitern klar, dass sich die Software, also die Ideologie und der Überbau, weltweit vernetzte, und deshalb das Betriebssystem nicht mehr so richtig lief. Vieles von dem Datentausch der Ideologien lief über Farbfernseher aus Japan. Die gab es in der DDR auch deshalb, weil die sozialistische DDR-Leitung selber gerne Farbfernsehen kuckte, weshalb sie mit Japan einen Deal machte. Ich wünschte, Erich Mielke und die anderen Diktatoren der DDR hätten lieber mal öfter einen bunten Abend im DDR-Fernsehen angeschaut, statt Punks in den Knast zu stecken und Leute an der Grenze erschießen zu lassen, die einfach nur weg wollten. Dann hat Mielke im Fernsehen noch behauptet: „Ich liebe euch doch alle.“ Er hat Glück gehabt, dass sie ihn nicht erschossen haben wie Ceauscescu in Rumänien.

Die Leute nutzten also einfach illegal Ideologien, Programme, die mit der sozialistischen Staatssoftware inkompatibel waren. Ich stelle mir das so ähnlich vor, wie wenn ich auf meinem Mac ein Linux-Programm installiere, das Programm mir aber wegen Inkompatibilität dauernd abschmiert und ich mich dann irgendwann entscheiden muss: Will ich das Linuxprogramm weiter benutzen oder das Mac-Betriebssystem? Da den Leuten der beschränkte Horizont des sozialistischen Betriebssystems auf den Sack ging und sie nach dem dritten Ungarn-Urlaub die Schnauze voll hatten und auch mal woanders hinfahren wollten, haben sie sich für die Westsoftware entschieden und das Betriebssystem neu installiert.

So, und jetzt erkläre ich mit meiner Metapher mal das Problem mit Merkel. Merkel hat ja bei der Neuinstallation, also der Demokratisierung Ostdeutschlands, selbst mitgemacht. Sie hat aber auch mitansehen müssen, wie die Westmächtigen die Hardware der ehemaligen DDR billig an bürgerliche Unternehmer verrammschten, nachdem „Sozialisten“ von der RAF aus dem Westen den Sozialdemokraten Detlev Karsten Rohwedder erschossen haben. Das passte jetzt auch den Gegnern dieser „Roten Armee Fraktion“ gut in den Kram, den bürgerlichen Unternehmern, weil der Rohwedder vorher mit seiner Treuhand die Verrammschungsaktion nicht hatte mitmachen wollen. Die hat dann Birgit Breuel von den „Konservativen“gemacht. Besonders viel konserviert hat sie in ihrer Funktion als Treuhand-Gesellschafts-Chefin aber nicht, viele DDR-Produktionsbetriebe wurden von ihrer eigenen Westkonkurrenz aufgekauft und die hat sie meistens lieber dichtgemacht. Die Käufe waren aber vorher von Westdeutschland staatlich subventioniert worden. So hat die CDU massenweise Staatseigentum auf Kosten der Steuerzahler reichen Privatleuten geschenkt. Breuel hat so aus der Treuhand-Gesellschaft eine Veruntreuhand-Gesellschaft gemacht.

Die DDR-Bürger_innen mussten dann leidvoll erfahren, dass ihnen ein neues Betriebssystem überhaupt nicht so viel bringt, wie die West-Ideologien ihnen weisgemacht hatten, wenn ihnen die Hardware (die Industriebetriebe und Häuser) nicht mehr gehört, auf dem sie das Ding mühsam installiert haben. Denn es ist immer noch so, wie Marx dachte: Was nützt die schönste Ideologie, wenn man keine wirtschaftliche Basis hat, um sie ausleben zu können. Das vergessen die Liberalen wie der Weber immer, weil die in der Regel aus Elternhäusern stammen, die sich Freiheit auch leisten können. Aber wenn Du arm und arbeitslos in einer Berliner Plattenbausiedlung hockst, dann macht es Dich halt wütend, dass der Außenminister mit seinen Unternehmerfreunden im Staatspalais Parties feiert und auch noch schwul ist, weil Du Dir weder die Parties noch das Schwulsein leisten kannst, weil Du als Schwuler in Berlin beim Handwerksbetrieb um die Ecke nach nem Job gar nicht erst zu fragen brauchst.

Jetzt habe ich aber immer noch die Sache mit Merkel, der Solarenergie und den fossilen Brennstoffen nicht erklärt. Ich glaube, am weitesten komme ich da mit einem linksgläubigen Marxismus. Im Unterschied zum rechtgläubigen Marxisten glaube ich nicht, dass die neue Basis von Internetfirmen, Solarenergie und Hybridantrieben irgendwann zu einer Revolution führt. Die Basis-Entwicklung ist nämlich entgegen allem Anschein in den letzten Jahren wesentlich langsamer als die Überbau-Entwicklung. Wissenschaftlich wissen wir schon jetzt sicher, dass wir mit dem fossilen System nicht mehr länger als 60 Jahre klarkommen, weil dann die Rohstoffe aufgebraucht sind und die Umweltverschmutzung zu verheerend wird. Trotzdem stellt sich die Wirtschaft viel zu langsam auf das neue, regenerative System um.

Ich glaube ja, dass Angela Merkel unbewußt noch an ihren schrecklichen DDR-Lehrer zurückdenkt, der ihr prophezeit hat, es gibt eine Revolution, wenn die Produktivkräfte sich zu schnell entwickeln, und sie will halt keine mehr mitmachen, weil ihre letzte schon so verdammt viel Arbeit und so ein Kampf war. Kann ich auch verstehen. Also hemmt sie die Produktivkraftentwicklung und kürzt der Solarenergie ihre Mittel.

Ich finde aber, wir sollten den DDR-Lehrer mal DDR-Lehrer sein lassen, uns locker machen und uns sagen: Unser Betriebssystem ist so gut, dass es auch auf neuer und besserer Hardware problemlos laufen wird. Die Demokratie kann sich das 2-Liter-Auto und 100%ige regenerative Energieversorgung erlauben, ohne dass wir Angst haben müssen, dass sie abgeschafft wird. Angst haben müssen bloß diejenigen, die im Moment noch das Geld, aber nicht mehr so richtig die Macht haben: Die Bankmanager, Industriekonzernbesitzer, Börsenmakler und Aktionäre. Ihre Ideologie ist nämlich hoffnungslos veraltet, und sie läuft auf der neuen Hardware dann auch wahrscheinlich nicht mehr. Eigentlich läuft sie schon unter unserem demokratischen Betriebssystem nicht mehr richtig gut.

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